Warum wir immer noch keine Zuckersteuer haben: Danke für nichts, Deutsche Lebensmittelindustrie

by Emilie

Immer mehr Länder ziehen nach und führen eine Zuckersteuer ein. Doch was ist mit Deutschland? Wir diskutieren immer noch fröhlich um den heißen Brei herum.

 

Die Zucker-Getränke-Situation bei uns

In Deutschland werden fast genauso viele Softdrinks wie Mineralwasser getrunken*, vor allem junge Menschen trinken regelmäßig stark zuckerhaltige Getränke. Im weltweiten Vergleich liegt Deutschland im Softdrink-Konsum unter den Top 10. Seitdem von Ernährungsgesellschaften weltweit anerkannt wurde, dass Zucker eine Hauptursache für starkes Übergewicht und Folgeerkrankungen ist, plädieren auch hierzulande immer mehr Gesundheitsorganisationen für eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Doch warum passiert nichts?

*2016 lag der Pro-Kopf-Konsum im Jahr von Erfrischungsgetränken bei 116 l, von Saft bei 33 l und von Mineralwasser bei 153 l.

Politik vs Industrie – Wer setzt sich durch?

Eine detaillierte Aufdröselung der Taktiken der Lebensmittelindustrie wurde in der Ernährungsumschau vom Februar 2018 gut dargestellt. Ich fasse für euch noch einmal die wichtigsten Punkte zusammen, den Original-Artikel findet ihr hier.

Schonmal vorweg: Die Industrie verhindert effektiv das Durchsetzen von politischen Maßnahmen, die zwar die Gesundheit der Bevölkerung verbessern, jedoch der Wirtschaft schaden könnten. So weit nichts Neues. Doch wie genau schafft sie das eigentlich jedes Mal und warum funktioniert das so gut?

 

 1. Lobby-Arbeit: Einflussnahme auf die Politik

Die Lebensmittelindustrie hat eine starke Lobby, die sie regelmäßig unterstützt und fördert. Die Lobby organisiert sich oft durch das Gründen von sogenannten Interessensvertretungen. Diese streuen dann eine Meinung, die der Lebensmittelindustrie gerade in den Kram passt.

Im Bezug auf die Versteuerung von Softdrinks vertreten sie z. B. die Ansicht, eine Steuer-Maßnahme wäre „wirkungslos, undifferenziert, belaste arme Menschen unverhältnismäßig stark, fördere Grenzkäufe und Schmuggel, belaste die Wirtschaft und vernichte Arbeitsplätze.“° Diese Meinung gibt sie auf unterschiedlichsten Ebenen immer wieder kund, ich persönlich habe das z. B. im Bundestag bei einer politischen Diskussen („Fachgespräch“) live miterlebt.

Eine immer wieder gern gezogene Meinungs-Karte der Lobbyverbände ist übrigens auch die Überzeugung, Übergewicht entstehe nur und allein durch ein Zuviel an Kalorien – die Art der Kalorien wäre irrelevant, sodass zwischen hohem Zuckerkonsum und Übergewicht auch kein Zusammenhang bestehen könne.

Ein Blick auf die USA zeigt, wie weit Lobbyarbeit und wirtschaftlicher Machtmissbrauch gehen kann. Dort drohen große Unternehmen wie PepsiCo mit der Verlegung des Firmenhauptsitzes aus New York, wenn die Stadt eine Steuereinführung auf Zuckergetränke in Erwägung ziehen wöllte. Drei mal dürft ihr raten, was deshalb in New York demnächst nicht eingeführt wird.
Nebenbei missachten Coca Cola und Co. sämtliche Regulierungen oder vorgeschlagene freiwillige Maßnahmen und versuchen die Diskussion eher in Richtung „Fett ist das eigentliche Problem“ zu lenken.

°Quelle: Irish Beverage Council pre-Budget submission

2. Marketing: Stimmung schüren in der Bevölkerung 

Eine ähnliche Strategie nutzen Unternehmen weltweit auch ohne Lobby: Das Verbreiten von Argumenten gegen die Zuckersteuer mithilfe von Werbung ist ein oft genutztes Mittel. Ganz vorne dabei wieder mal die amerikanische Getränkeindustrie: Insgesamt über 10 Millionen US-Dollar flossen (WANN?) in TV-, Radio- und Außenwerbung gegen geplante Steuern auf Softdrinks.

Und auch die Medien selbst werden von der Industrie immer wieder zu beeinflussen versucht, indem große Konzerne hohe Geldsummen für die Recherche gegen die Zuckersteuer spendieren. In den kontraproduktiven Artikeln liest man immer wieder die gleichen Argumente, v. a.: Zucker sei als Teil einer ausgewogenen Ernährung absolut kein Problem und Fett eh viel schlimmer.

3. Wissenschaft diffamieren: Einfluss auf die Forschung

Doch was tun, wenn trotz aller Bemühungen immer wieder Besserwisser auf die Bühne treten und sich auf wissenschaftliche Studien berufen, die Zucker als gesundheitsgefährdend einstufen?

Dann gibt man einfach selbst Studien in Auftrag und beweist der Welt das Gegenteil. So geschehen schon in den 60er und 70er Jahren, als die amerikanische Zuckerindustrie mit einem Forschungsprogramm zum Schluss kam, Fett und Cholesterin wären die Hauptverantwortlichen für ernährungsbedingte Krankheiten. Nicht etwa der harmlose Zucker.

Und auch heutzutage, und nicht nur in den USA, hat die Lebensmittelindustrie immer wieder ihre Finger in der Forschung. Wenn sie schon kein gegenteiliges Ergebnis forcieren kann, so verwässert sie mit ergebnislosen Studien immerhin die Faktenlage oder sät Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Forschung. Hätte fast funktioniert, als die Zuckerindustrie die WHO beeinflussen wollten, ihr Statement zu weniger Zucker zu manipulieren. Zum Glück hielten die Forscher aber an ihrer Meinung, gebildet auf Grundlage von Fakten, fest und ließen sich nicht beirren.

4. Teil der Lösung sein: Selbstversprechen der Industrie

Besonders nett klingt es in Talk-Shows, Interviews oder politischen Leitlinien, wenn die Hersteller scheinbar Einsicht zeigen und sich selbst als Lösung präsentieren. „Ihr müsst nichts regulieren, wir selbst werden unsere Rezepturen umformulieren und legen ein Ernährungs- und Bewegungsprogramm gleich noch oben drauf! Zufrieden?!“ – Und leider ja, die Politik wird mit solchen Versprechen oft zufrieden gestellt. Genannt werden die freiwilligen Selbstverpflichtungen auf EU-Ebene „pledge“ (= Versprechen, Zusicherung). Bereits erfolgreich eingeführt wurde zum Beispiel das Pledge, bei Lebensmittelwerbung für Kinder verantwortungsbewusster zu handeln. Doch sowohl die Definitionen für „Kinder“ als auch das eigentliche Handeln an sich fallen so schwammig aus, dass die Regelung den Herstellern sehr viel Spielraum lässt.

Nichtsdestotrotz nicken alle beruhigt, wenn die Coca-Cola Foundation ein Drittel ihrer Gelder zur Bekämpfung von Adipositas bereitstellt oder Pepper Snapple Spielplätze ausbaut. „Sie tun doch schon alles, was in ihrer Macht steht! Da brauchen wir sie doch nicht wirklich noch zu bestrafen…“

 

Das Fazit

Egal in welche Branche man schaut, Einflussnahme der Wirtschaft auf politische Entscheidungen und die öffentliche Meinung wird man immer finden. Da heißt es nur eins: Dran bleiben, auf unabhängige wissenschaftliche Fakten zurückgreifen und für eine bessere Welt kämpfen. Andere Länder haben das ja auch schon geschafft. 

 

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1 comment

Berliner Küche April 11, 2018 - 15:34

An dieser Stelle mal ein Danke für deine Beiträge zu Ernährungsthemen, die ich immer lesenswert und informativ finde. Freue mich auf mehr! :)

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