Rohkost – Was ist dran am Leben ohne Kochtopf?

by Emilie
Rohkost – Was ist dran am Leben ohne Kochtopf?

Rohkost liegt wieder voll im Trend. Egal ob rohköstliche Kuchen oder rohe Schokolade – nicht erhitzte Alternativprodukte finden vermehrt Einzug in die Läden und Zuspruch unter den Konsumenten.

Nachdem vor allem in Amerika Rohkost wieder modern wurde, stapeln sich nun auch in Deutschland Bücher mit Titeln wie „Going Raw“ oder „Die Rohvolution“ in den Buchhandlungen und geben den eingestaubten alternativen Ernährungsformen wie Urkost, Instinktotherapie oder Lichtkost einen jungen, frischen Anstrich.
Doch was ist dran an den Rohkostsalaten, Shakes und kalten Suppen und vor allem: Ist mehr drin?
Ich möchte für euch klären, inwiefern rohköstliche Ernährung sinnvoll sein kann und was wir dabei beachten müssen.

Was ist Rohkost?

Rohkost beschreibt weitgefasst alle Lebensmittel, sowohl tierischer als auch pflanzlicher Herkunft, die unverarbeitet, frisch und vor allem unerhitzt (bis 40°C) vorliegen. In den heutigen Trendrichtungen spielen jedoch vor allem pflanzliche Produkte im rohen Zustand eine große Rolle. Rohkost wird also gern mit Vegetarismus oder Veganismus kombiniert.

Ausnahmen bilden Lebensmittel, bei deren Herstellung natürlicherweise Hitze benötigt wird. Das sind zum Beispiel Trockenfrüchte oder Schleuderhonig – um diese Produkte zu erzeugen, müssen die Lebensmittel gezwungenermaßen über 40°C erhitzt werden, zählen aber trotzdem noch zu den Rohkostprodukten.

Rohköstliche Unterschiede

Es haben sich mit der Zeit viele verschiedene Konzepte der Rohkosternährung herausgebildet, was eine Beurteilung der Rohkost im Allgemeinen schwieriger macht.
Je nachdem, zu welcher Bewegung sich der Rohköstler zählt, wird auf unterschiedliche Dinge Wert gelegt.

Ich verzichte in diesem Beitrag auf eine genaue Vorstellung jeder einzelnen Richtung. An dieser Stelle folgt eine kleine Liste der wichtigsten Vertreter und gegeben falls Links zur Selbstrecherche.

Helmut Wandmaker „Leben ohne Kochtopf“ www.helmut-wandmaker.de
Franz Konz „Urkost“ www.bfgev.de
Guy-Claude Burger „Instinktotherapie“
Arnold Ehret „Schleimfreie Heilkost“
Norman Walker „Der natürliche Weg zur strahlenden Gesundheit“
Fritz-Albert Popp „Lichtkost“
Harvey und Marilyn Diamond „Fit for Life“  www.fit-fuers-leben.de

Die heutigen Bücher über Rohkost gehen meist einen moderneren Weg. Mit roher, frischer Nahrung soll jeder seinen Weg zu mehr Vitalität und Lebensfreude finden. Mit kreativen Rezepten, die weit über Salate hinausgehen, werben junge Autoren für das Ernährungskonzept der Rohkost und versprechen eine neue Lust am Essen und Leben.

 

Was sagen Rohköstler, was sagt die Wissenschaft?

Argument Nr. 1: Essentielle Vitamine werden durch Hitze zerstört

Das wohl am meisten proklamierte Argument der Rohkostbewegung ist, dass Vitamine beim Kochen mit hohen Temperaturen zerstört werden würden und damit für uns verloren gehen.
Da ist teilweise etwas Wahres dran. Einige Vitamine vertragen leider keine hohen Temperaturen. Steigen die Temperaturen über einen gewissen Punkt, gehen die instabilen Verbindungen zu Grunde. Allerdings haben nur sehr wenige Vitamine ihren Schmelzpunkt in den Temperaturbereichen, mit denen wir kochen
Ich habe euch einige hitzeempfindliche Vitamine zusammengefasst:

Das wohl populärste Beispiel ist das Vitamin C. Vitamin C ist ein sehr empfindliches Vitamin, das aufgrund von langer Lagerung, mechanischen Einflüssen wie das Aufschneiden von Obst und vor allem durch Oxidationsprozesse (das Reagieren mit Luftsauerstoff) verloren geht.
Der Schmelzpunkt liegt bei 190°C – Wasser kocht jedoch schon bei 100°C. Das bedeutet, dass das Vitamin durch bloßes Kochen nicht zerstört wird. Allerdings muss man beachten, dass Vitamin C gut wasserlöslich ist und sich deswegen schnell im Kochwasser wiederfindet – mehr zur Löslichkeit von Vitaminen lest ihr im nächsten Abschnitt.

Retinol und Retinal zersetzen sich schon ab 61°C. Wir finden diese Substanzen vor allem in tierischen Produkten z.B. im Eigelb, in Leber oder in der Milch. Da beide Vitamine zu der Klasse von Vitamin A zählt, gibt es noch andere, hitzebeständigere Substanzen, die eine ähnliche Funktion in unserem Körper erfüllen. Meistens handelt es sich bei den hitzebeständigeren Verbindungen um Carotinoide. Diese kommen in Pflanzen vor und werden in unserm Körper zu Vitamin A umgebaut. Ein bekanntes Beispiel ist das beta-Carotin, das sich etwa ab 180°C zersetzt.

Der Schmelzpunkt von Vitamin D liegt bei 81°C Allerdings sollte man dieses Vitamin gesondert betrachten, da wir es mit Hilfe von UV-Licht selbst herstellen können. Es ist somit ein Vitamin, das nicht essentiell für unseren Körper ist, da wir es nicht aufnehmen müssen, um zu überleben. Es kommt in nur wenigen Lebensmitteln vor, weswegen viele Menschen in dunkleren Jahreszeiten einen Mangel ausbilden. Zwei mögliche Quellen sind fettiger Fisch und Eigelb.
Vitaminverluste und –aufnahme – Was gibt es zu beachten?

Weit wichtiger als die Hitzebeständigkeit der verschiedenen Vitamine ist deren Löslichkeitsverhalten zu beachten. Je nachdem, ob sie chemisch gesehen einen polaren oder unpolaren Aufbau aufweisen, lösen sie sich besser in Wasser oder Fett. Vitamine, die in Fett löslich sind, werden besser mit Fett aufgenommen.

Das bedeutet in der Praxis:

⁃ Vitamine, die im Topf gekocht werden und zudem wasserlöslich sind, finden sich nach wenigen Minuten im Kochwasser wieder. Es lohnt sich also, dieses aufzuheben und nochmal für z.B. eine Brühe zu verwenden.

⁃ In Suppen bleiben die Vitamine enthalten, da das Wasser mit verzehrt wird.

⁃ Kartoffeln enthalten eine gute Menge an Vitamin C, allerdings ist das Kochwasser von Kartoffeln nicht genießbar (mehr dazu hier). Wollt ihr dennoch vitaminreiche Kartoffeln genießen, empfiehlt sich die Zubereitung im Ofen oder auf der Pfanne.
Ein Smoothie enthält neben wasserlöslichen auch, je nach Zutatenliste, eine Menge fettlöslicher Vitamine!

⁃ Da diese ohne einen Tropfen Fett von unserem Körper schlecht aufgenommen werden können, lohnt es sich immer einen Löffel Öl (z.B. Kokos- oder Leinöl) mit in den Mixer zu geben.

⁃ Das gleiche Prinzip gilt beim Zubereiten von Gemüse. Das z.B. in Möhren, Kürbis und Brokkoli versteckte Provitamin A ist für euren Körper nicht gut aufzunehmen, wenn ihr eure Portion nicht mit etwas Fett zubereitet.

⁃ Fettlösliche Vitamine können, im Gegensatz zu den wasserlöslichen (bis auf Vitamin B12), in unseren Zellen gespeichert werden, da sie durch unsere, aus Fett bestehende Zellmembran, diffundieren können. Somit kann es zu einer Überversorgung kommen.

Fettlösliche Vitamine sind:

– Die Gruppe, die allgemein als Vitamin A zusammengefasst wird. In Pflanzen liegen Vorstufen als Carotinoide vor, in tierischen Lebensmitteln finden wir vorwiegend Retinylpalmitat. All diese Substanzen haben ähnliche Funktionen in unserem Körper. (sie sind z.B. wichtig für das Wachstum, den Aufbau der Haut und von Blutkörperchen, und den Sehvorgang)
– Vitamin D kommt in wenigen natürlichen Produkten vor, wir können es aber aus UV-Licht selbst herstellen. Im Winter leiden deswegen viele Menschen an einem Mangel.
– Vitamin E findet sich in Olivenöl, Weizenkeimen, Haselnüssen und ein wenig in Haferflocken. Es wirkt als starkes Antioxidans in unserem Körper.
– Vitamin K findet ihr z.B. in grünem und gelbem Blattgemüse, in Eiern, Milch- und Vollkornprodukten. Wir benötigen es zur Blutgerinnung.

Argument Nr. 2: Verdauungsnotwendige Enzyme werden durch Hitze zerstört

Die kleinen Helfer in unserem Essen

Viele Rohköstler sind der Meinung, dass Pflanzen Enzyme beinhalten, die für die Verdauung unserer aufgenommenen Lebensmittel essentiell wären. Da diese aber durch Erhitzen zerstört werden würden, empfiehlt er eine 100%ige Ernährung mit rohköstlichen Produkten.
Ich kann diese Überlegungen gut nachvollziehen. Da Enzyme, also Verbindungen, die chemische Reaktionen beschleunigen, im allermeisten Fall Proteine sind, werden sie durch Hitze zerstört. Das nennt man Denaturieren und die Auswirkung dieses Prozesses wird z.B. an einem gekochten Ei sehr deutlich.
Allerdings bildet unser Körper alle lebensnotwenigen Enzyme aus aufgenommenen Aminosäuren selbst. Es ist also gar nicht so wild, dass die pflanzlichen beim Kochen zerstört werden. Hinzu kommt außerdem, dass Nahrungsenzyme so oder so durch unsere Salzsäure denaturieren und damit ihre Funktion in unserem Körper nicht mehr ausüben können.

Enzyme in Nahrungsmitteln sind dennoch von großer Bedeutung. Sie halten beispielsweise eine Pflanze am Leben, lassen einen Apfel an der Luft braun werden oder helfen uns, einen leckeren Sauerteig herzustellen. Wir machen uns in Naturprodukten vorkommende Enzyme zu Nutze und können somit Produkte wie Käse oder Bier herstellen. Sie sind jedoch nicht notwendig für unseren Körper.

Argument Nummer 3: Mineralstoffe werden durch das Erhitzen zerstört

An dieser Stelle möchte ich mich kurz halten. Mineralstoffe sind anorganische Verbindungen, die in unserem Körper nicht gebildet werden können. Viele Mineralstoffe erfüllen wichtige Aufgaben und sind deshalb für uns essentiell.
Allerdings können weder Luft noch Hitze diese Verbindungen zerstören. Das einzige, was passieren kann, ist, dass sie durch zu langes Kochen aus den Lebensmitteln gelöst werden und in das Kochwasser übergehen.

Argumente Nummer 4: Sekundäre Pflanzenstoffe werden durch das Erhitzen zerstört

Ja, das ist teilweise richtig. Viele sekundäre Pflanzenstoffe, die krebshemmend oder verdauungsanregend wirken können, sind nicht hitzebeständig. Beispiele sind die Phenolsäure (krebshemmend) oder die Gruppe der Phytosterine, die die Cholesterinaufnahme hemmen. Diese Substanzen kommen vor allem in Ölen vor – und sind ein großes Argument für den Vorzug von kaltgepressten Ölen!

Allerdings gibt es auch sekundäre Pflanzenstoffe wie die Carotinoide aus Möhren oder Lycopin in Tomaten, die gekocht wesentlich besser von uns aufgenommen werden können.

Warum wir Essen erhitzen sollten

Es kann sehr sinnvoll sein, die Zellen der Pflanzen durch Hitze aufzubrechen, da sich viele Vitamine, Mineralstoffe oder auch sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe in ihnen verstecken. Der Hauptbestandteil von pflanzlichen Zellwänden, Zellulose, ist für uns Menschen unverdaulich und kann somit von uns nicht aufgebrochen werden. Alle Nährstoffe, die sich in den Zellinnenräumen unsere Lebensmittel befinden, sind für unseren Körper also nicht erreichbar und werden wieder ausgeschieden.
Erst durch Hitze oder mechanische Einflüsse (z.B. die Klingen eines Hochleistungsmixers) werden die Zellwände zerstört und die dahinter steckenden Nährstoffen für unseren Körper verfügbar gemacht.

Studien zeigen außerdem, dass erhitztes Protein teilweise besser in unserem Körper verwertet werden kann. Die konkrete Studie hat die Verwertbarkeit von Eiern unter die Lupe genommen und kam zu dem Schluss, dass das gekochte Eiweiß zu 90% nutzbar ist, das rohe jedoch nur zu 50%. (Den Link zur Studie findet ihr in den Quellenangaben.)

Weitere erwähnenswerte Punkte sind das Erhöhen der Lebensmittelsicherheit, da Keime oder toxisch wirkende Stoffe durch Hitze unschädlich gemacht werden.
Auch der Genuss spielt beim Kochen eine wichtige Rolle, unterschiedliche Texturen bringen mehr Abwechslung auf den Teller, das Erhitzen kann den Geschmack verändern und verbessern.

Achtung: Diese Lebensmittel bitte niemals roh verzehren!

Es gibt Nahrungsmittel, bei denen der Rohverzehr sogar gesundheitsschädigend ist. In Hülsenfrüchten kommen beispielsweise Eiweißverbindungen vor, die zu einer Verklumpung des Bluts führen können. Da Eiweiß bei Hitze denaturiert, besteht bei gekochten Bohnen aber keine Gefahr mehr.
Auch dass wir Kartoffeln instinktiv erhitzen, hat gute Gründe. In den Knollen steckt Solanin, ein Alkaloid das Magenbeschwerden, Erbrechen und Nierenbeschwerden hervorruft. Da es wasserlöslich ist, gelangt es durch das Kochen in das Kochwasser (das kann man also getrost weg kippen!). Ein weiterer Grund: Kartoffeln bestehen vor allem aus Stärke, also aus komplexen Kohlenhydratketten, die wir besser verdauen können, wenn diese durch Hitze aufgebrochen wurden Übrigens: Grüne Stellen und Triebe in Kartoffeln erhöhen den Gehalt an Solanin erheblich! Diese immer großzügig herausschneiden. Falls ihr einmal in den Genuss des Pilzes Speiselorchel kommen solltet, dann bitte nur erhitzt: Der hier enthaltene Stoff namens Gyromitrin ist giftig, kann aber durch das Kochen entschärft werden.

Warum wir Rohkost nicht meiden sollten!

Rohkost hat wesentlich mehr effektive Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe als gekochte Nahrung. Ballaststoffe sind unverdauliche Substanzen, die von unserem Körper nicht aufgenommen werden können. Sie geben unserem Essen eine kalorienarme Masse, die das Sättigungsgefühl eher hervorruft. Da sie im Darm quellen können, regen sie die Darmaktivität an. Somit wirken Ballaststoffe vorbeugend gegen Verstopfungen, können aber in großen Mengen gerade auch negative Effekte wie Blähungen und Bachschmerzen hervorrufen. Ballaststoffe haben darüber hinaus noch viele weitere gesundheitsfördernde Eigenschaften (z.B. die Bindung von toxischen Substanzen oder die Regulierung des Blutzuckers) und sind somit sehr empfehlenswert.
Achtung: Ballaststoffe kommen jedoch nicht ausschließlich in rohen Lebensmitteln vor, unsere Hauptquelle an Ballaststoffen ist hierzulande Brot.

Es kommt dazu, dass wir Rohkost länger und ausgiebiger kauen müssen! Das stärkt unsere Zähne und das Zahnfleisch.
Ein weiterer Vorteil ist, dass sich Rohkost nicht so stark auf den Blutzuckerspiegel auswirkt – er bleibt länger stabil, was für unseren Stoffwechsel sehr gut ist.

Rohkost wirkt sich auch positiv auf unser Herz-Kreislauf-System aus. In einer niederländischen Studie fand man heraus, dass gerade eine Ernährung mit einem hohen Anteil an nicht erhitzten Lebensmitteln das Risiko für Schlaganfall senkt. (Den Link zur Studie findet ihr in der Quellenangabe.)
Das kann daran liegen, dass Rohkost reicher an Ballaststoffen ist und doch mehr Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe mit nicht gekochtem Gemüse ausgenommen werden – denn die wenigsten Teilnehmer tranken das Kochwasser! Außerdem wird rohes Gemüse oft weniger gesalzen. Da Salz den Blutdruck erhöht, verringert eine salzärmere Ernährung das Schlaganfallrisiko.

Ein wichtiger Punkt ist auch, dass, wer sich rohköstlich ernährt, nicht in die Gelegenheit kommt, zu ungesunden Knabbereien und energiereichen Snacks zu greifen. Das schützt natürlich vor Fettleibigkeit und den damit verbundenen gesundheitlichen Nachteilen.

Die Rohkosternährung findet außerdem in der Therapie gegen Rheuma, Hauterkrankungen, Multiple Sklerose oder Migräne Verwendung.

Ernährungsphysiologische Bewertung – alles im grünen Bereich?

Schlussendlich ist es egal, wie die verschiedenen Rohkostbewegungen argumentieren, ob ihre Argumente nun stimmen oder wissenschaftlich haltbar sind. Das Entscheidende ist im Endeffekt, ob wir mit einer rohköstlichen Ernährungsweise unseren Nährstoffbedarf decken können.
Eine einheitliche Bewertung ist hier schwierig, da je nach Auslegung und Formen der Rohkost unterschiedliche Lebensmittel in die Ernährung integriert und ausgeschlossen werden. Grundsätzlich sind allerdings ein paar wesentliche Dinge anzumerken.

Theorie vs Praxis – ist eine ausreichende Nährstoffaufnahme zu schaffen?

Grundsätzlich ist es möglich, alle Nährstoffe, die der Körper braucht, mit Rohkost aufzunehmen. Kochen gibt unseren Gerichten keine zusätzlichen Nährstoffe, sie sind alle schon im rohen Produkte vorhanden. Allerdings stehen der Theorie in der Praxis einige Dinge im Weg:

– Kochen verbessert die Bioverfügbarkeit vieler Nährstoffe. Wir schaffen es schneller und leichter, unseren Nährstoffbedarf mit gekochtem Essen zu decken.

– Es fällt uns leichter, viel von einer gekochten Mahlzeit zu essen, da sich die Textur ändert. Kartoffelbrei verschwindet schon in 5 Minuten in unserem Bauch, an einem Salat knabbern wir viel länger. Das kann für Menschen, die abnehmen wollen oder müssen, kurzfristig sehr sinnvoll sein, bei einer lebenslangen Ernährung mit Rohkost fällt es einem zunehmend schwer, die erforderliche Kalorienmenge aufzunehmen. Abhilfe schaffen energiereiche Früchte, Nüsse, fettige Avocados. Durch Smoothies schaffen wir es eher, viele Kalorien in kurzer Zeit zu trinken.

– Rohköstler leben der breiten Masse entgegen. Schnell befinden sie sich in soziale Konflikten – man muss das eigene rohe Essen mit auf Parties bringen, im Restaurant ist höchstens die Salatkarte für einen passend, durch ständige Rechtfertigungen werden Familienausflüge zur Last. Das kann emotionalen Stress verursachen. Auch die ständige Reflektion über das eigene Essverhalten (kann ich das essen?) kann auf die Dauer zu einer Ausgrenzung führen – man ist mehr und mehr mit sich selbst und seiner „anderen“ Lebensweise beschäftigt.

– Rohköstler ernähren sich häufig zusätzlich zur Vermeidung erhitzter Produkte vegan. Somit steht ihnen nur noch eine begrenzte Auswahl von Lebensmitteln zur Verfügung. Als Rohköstler sollte man deswegen offen für Neues sein, über die Supermarktauswahl hinaus schauen und sich neue Nährstoffquellen erschließen. Ansonsten wird es schwer, eine abwechslungsreiche Ernährung zu praktizieren. Allerdings leben wir in einer Zeit, in der wir Zugang zu sehr vielen nährstoffreichen Rohkostprodukten haben, sodass auch eine achtsame, vegane Rohkosternährung mit Deckung aller Nährstoffe möglich sein kann.

– Nährstoffreiche, abwechslungsreiche Rohkostprodukte kosten Geld. Meistens weit mehr als vergleichbare erhitzte Varianten. Wer die Kapazitäten für extravagantere, aufregende Rohkostalternativen nicht aufbringen kann, sieht sich der Gefahr gegenüber, dass die Ernährung langweilig und einseitig wird.

Gießener Rohkoststudie

1997 wurde eine Gruppe von 201 Männern und Frauen im Alter bon 25 bis 64 Jahren auf ihren Ernährungs- und Gesundheitsstatus untersucht. Alle Probanden ernährten sich schon über eine längere Zeit rohköstlich. Vertreten waren alle Formen der Rohkost, von veganer Rohkost bis Rohkost mit Fleischverzehr.
Auch wenn die Anzahl der Stichprobe nicht sehr groß ist, so ist diese Studie die bislang repräsentativste. Sie zeigt die möglichen Auswirkungen einer langfristigen rohköstlichen Ernährung.
Alle gemessenen Werte wurden mit den Empfehlungen der DGE verglichen.

Fasst man die Ergebnisse der Studie zusammen, so sind etwa 25% der Frauen und 10% der Männer untergewichtig und weisen eine unzureichende Versorgung mit Protein, Vitamin B12, sowie Zink und Jod auf. Kommt eine vegane Lebensweise hinzu, verstärkt sich der Mangel von Vitamin B2 und Kalzium.
Die Wasserversorgung ist mehr als ausreichend, obwohl die Teilnehmer meist wenig tranken. Auch weitere Vitamine und Mineralstoffe wurden mehr als ausreichend aufgenommen.

Erschwerte Aufnahme von Vitamin E

Einen interessanten Aspekt habe ich mir herausgegriffen, um ihn etwas näher zu beleuchten. Wenn euch das alles zu tief in die Materie geht, überspringt ihn einfach. ;)

Bei der Auswertung der Gießener Rohkoststudie stellte man unteranderem fest, dass obwohl die Rohköstler überdurchschnittlich viel Vitamin E mit ihrer Nahrung aufnahmen, ihr Gehalt im Körper recht niedrig blieb. Das lässt sich durch die neusten Erkenntnisse folgendermaßen erklären.

Vitamin E ist ein fettlösliches Vitamin und kann somit am besten mit Fett aufgenommen werden. Das ist für einen Rohköstler nicht das Problem. Viele pflanzliche, rohe Quellen wie Nüsse, Samen, fettreiche Früchte oder rohe tierische Produkte wie Fisch enthalten eine Menge Fett – ein Großteil davon machen die ungesättigten Fettsäuren aus. Allerdings zeigen nun weitere Studien, dass bei einer übermäßigen Aufnahme an ungesättigten Fettsäuren die Resorption von Vitamin E gehemmt wird.

Vitamin E wird in unserem Dünndarm durch die Bildung von komplexen Micellen aufgenommen. Micellen sind kugelförmige Anordnungen von Fettmolekülen, bei denen die polaren Fettköpfchen immer nach außen zeigen. Diese Strukturen können durch unsere, ebenfalls aus Fett bestehende, Zellmembran wandern – und das Vitamin E mit ihnen. Allerdings ordnen sich Micellen mit ungesättigten Fettsäuren wesentlich großflächiger an, als normalerweise. Die Strukturen werden dann so groß, dass sie nicht mehr gut resorbiert werden können.

Mizelle

Außerdem kommt hinzu, dass unser Körper Vitamin E benötigt, um eine freie Radikalbildung zu verhindern. Das heißt, dass Vitamin E uns davor schützt, dass freie Radikale, die z.B. beim zu starken Erhitzen von instabilen Fett entstehen, unsere Zellen angreifen – denn das kann schwere gesundheitsgefährdende Auswirkungen haben. (mehr dazu hier  Artikel über Haselnüsse) Ungesättigte Fettsäuren sind durch ihre Doppelbindung leicht angreifbar, können also leicht oxidiert werden. Die Aufgabe von Vitamin E ist es z.B. auch, diese Verbindungen vor dem oxidieren zu schützen. Wenn man nun viele zu schützende Fettsäuren aufnimmt, braucht man folglich auch mehr Schutzmechanismen. Das Vitamin E braucht sich schneller auf.

Fazit

Rohköstler können es schaffen, alle Nährstoffe aufzunehmen.
Rohkost ist nicht gleich Rohkost. Es kommt auf die Lebensmittelauswahl an.
Rohkost kann gesundheitsfördernde Effekte haben.

Persönliche Meinung

Ich esse meinen Reis lieber gekocht, mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich fettige, geröstete Möhren aus dem Ofen ziehe und habe dennoch nichts gegen Rohkost.
Hier schlagen zwei meiner Lieblingsmantras wieder zu: Alles in Maßen, nicht in Massen. Und: Die Kombination macht’s!
Bei vielen Menschen wird eine reine Rohkostdiät wahrscheinlich ganz schöne Bauchschmerzen verursachen, da ihre Mägen nicht daran gewöhnt sind, die gesamte Arbeit alleine zu stemmen. Das Kochen nimmt unserem Körper einige wesentliche Zersetzungsvorgänge ab und die gesparte Energie können wir dann in etwas anderes investieren. Nichtsdestotrotz macht es bei einigen Nahrungsmitteln durchaus Sinn, sie rohköstlich zuzubereiten. Vor allem Obst und Gemüse finde ich frisch von Strauch/ vom Baum roh in den Mund am besten!!
Ich finde es super spannend, neue Ideen zu verfolgen und folge dem Trend der Rohen Kuchen, Pralinen und Co. sehr gerne.
Rohkost ist eine Bereicherung für unsere Ernährung, wir müssen uns allerdings nicht auf sie beschränken. Ich würde es nicht als Langzeiternährung empfehlen.

 

Zum Informieren und Nachlesen:

Gießener Rohkoststudie:
http://www.uni-giessen.de/fbr09/nutr-ecol/forsc_rohkost.php
Abhandlung Rohkost
http://www.beyondveg.com/tu-j-l/raw-cooked/raw-cooked-1a.shtml
Verwertbarkeit von rohem und gekochtem Ei: http://jn.nutrition.org/content/128/10/1716.full
Vitamin E und ungesättigte Fettsäuren: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/m/pubmed/10804454/ und http://edoc.ub.uni-muenchen.de/5467/1/Lutz_Katharina.pdf
Rohkost verringert Schlaganfallrisiko:
https://www.ugb.de

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4 comments

Lutz October 3, 2015 - 22:01

Die Gießener Rohkoststudie … man sollte sie lesen und nicht unbedacht Bewertungen von anderen Seiten übernehmen. Die Probanden waren z.B. nicht langjährige Rohköstler sondern Zitat aus der Zusammenfassung: ” Die Teilnehmer praktizierten über ein Jahr lang RKE, so daß davon auszugehen war, daß der Stoffwechsel sich auf die neue Ernährungsweise umgestellt hatte.” Außerdem stimmt der Link nicht mehr.

Reply
Emilie October 5, 2015 - 10:30

Hallo Lutz,
die Studie habe ich gelesen und mir meine eigene Meinung gebildet – diese aber weites gehend aus dem Abschnitt zur Rohkoststudie heraus gelassen. Die Teilnehmer wurden, nach meiner Information, in Gruppen unterteilt, je nachdem, wie hoch ihr rohköstlicher Anteil in ihrer Ernährung war. Allen Gruppen war jedoch gemein, dass sie sich seit mindestens 14 Monaten so ernährten.
Welchen Link meinst du genau? Der zur Rohkoststudie sollte funktionieren, versuch’s doch noch einmal.
Liebe Grüße, Emilie

Reply
Veronika chmiel September 27, 2016 - 22:23

Hallo Emilie, ich bin per Zufall auf Deinen Blog gekommen, hatte bis vor zwei Wochen auch einen Low carb Blog den ich leidenschaftlich geführt habe.
Ich bin von deinem Blog und deinen Artikeln und Kochkünste sehr begeistert.
Du hast auch einen wundervollen Beruf gewählt der Zukunft hat.
Mache genauso weiter, ich finde alles perfekt und wunderschön!
Liebe Grüße
Veronika Chmiel aus Neuss

Reply
Emilie September 28, 2016 - 10:58

Liebe Veronika. Oh, da bekomme ich ja fast Pipi in den Augen…Danke für deine lieben Worte! Kommentare wie deine sind auch mit ein Grund, warum ich mir nicht vorstellen kann, bald mit dem Bloggen aufzuhören! Ich freue mich, wenn du mich weiterhin hier besuchen kommst.
Ganz liebe Grüße,
Emilie :)

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