Über das gute Gefühl, nachhaltig(er) zu sein, und wie es uns täglich täuscht

by Emilie
Über das gute Gefühl, nachhaltig(er) zu sein, und wie es uns täglich täuscht

Als eine Freundin von mir neulich ein komplett in Alufolie eingepacktes Sandwich aus ihrem Fairtrade-Bio-Baumwolle-Jute-Beutel holte, fiel mir mal wieder auf, dass wir alle nicht perfekt sind und uns dafür auch nicht schlecht fühlen müssen.

Ich bewege mich in einem Umfeld, in dem junge, intellektuelle Menschen mit einem gesunden Bewusstsein für ihre Umwelt aufwachsen und stetig ihr Bestes geben, um nach ihrem besten Wissen und Gewissen „nachhaltig“ zu leben.
Die einen engagieren sich bei Foodsharing, andere versuchen, ganz auf Plastik zu verzichten oder tragen ausschließlich minimalistisch gestaltete Bio-Mode.
Meine Strategie, die Umwelt zu schonen: Ich ernähre mich so gut wie vegetarisch, kaufe ausschließlich regional produziertes Biofleisch, fahre Fahrrad, schmeiße bis auf Eierschalen so gut wie keine Lebensmittel weg, beziehe Ökostrom und trage meine Kleidung, bis ich sie nicht mehr flicken oder nicht mehr sehen kann.

 

Ein grünes Image kommt immer gut

Der Begriff Nachhaltigkeit ist mittlerweile zum beliebtesten Schlagwort der deutschen Medienlandschaft geworden. In jeder Werbung lebt es sich grün ganz gut, denn wer findet Grün leben schon doof? Jeder steckt in das Wort etwas anderes, jeder findet etwas an sich und seinem Unternehmen überaus ökologisch und grün. Ob in den sozialen Medien oder im Supermarkt: Nachhaltigkeit begleitet uns auf Schritt und Tritt.

Doch wenn wir ehrlich sind – zu uns und zu anderen – haben wir alle unsere schwarzen Schafe bei unserem Versuch „Grün zu leben“.

 

Wir könnten alle immer noch ein wenig nachhaltiger sein und über provokante Fragen nachdenken

  • Sollte eine Öko-Mutter wirklich fünf Kindern in eine überpopulierte Welt setzen?
  • Ist dem veganen Rebell bewusst, dass für sein Sojaschnitzel ein Teil des Regenwalds abgeholzt wurde?*
  • Und meint der Marketing Manager es mit der Nachhaltigkeitskampagne wirklich so ernst, wenn er täglich fünf Coffee-To-Go-Becher in den Abfall wirft?

*Anmerkung 2019: Mittlerweile ja, bzw er achtet bewusst darauf, dass Hersteller die Herkunft ihres Sojas offen legen. Es geht weiterhin viel mehr Soja in die Tierernährung!

Auch ich versuche, auf meine Umwelt zu achten und mich für nachhaltige Wege zu entscheiden. Trotzdem gibt es auch in meinem Alltag Situationen, an denen ich es nicht schaffe, die beste Wahl zu treffen.

Hier nur mal ein paar Beispiele meiner täglichen Stolpersteine:

  • Ich lasse bei wenig Abwasch manchmal das Wasser laufen, auch wenn ich es besser weiß.
  • Ich kaufe einmal im Monat nicht-recyceltes 4-lagiges Toilettenpapier, da mein Hintern sonst weh tut.
  • Ich kann, auch wenn ich es versucht habe, im Winter nicht auf meine frischen Gurken und Tomaten verzichten.

 

Du allein kannst die Welt nicht retten

Wir alle haben Dinge, die wir noch verbessern können. Doch lohnt es sich, deswegen täglich ein schlechtes Gewissen zu haben? Sich beim Kauf einer Südfrucht schuldig zu fühlen, das Schnitzel bei Mama abzulehnen, weil man die Massentierhaltung auf keinen Fall unterstützen möchte? Oder was, wenn wir uns den absolut vollendeten Nachhaltigkeitsstil einfach nicht leisten können?

Dann macht man einfach mal ’n Punkt und ist stolz auf das, was man bereits getan hat.

 

Denn wir alle sind nur Menschen, die täglich ihr immer komplizierter werdendes Leben managen. Ich behaupte:

Wir wurden in eine schon angekratzte Welt geworfen mit dem Auftrag,

ihr einen neuen Anstrich zu verleihen.

Wir müssen aufpassen, dass wir an diesem Auftrag nicht verzweifeln.

Wenn wir alle auf viele Kleinigkeiten achten, ist schon viel getan. Denn wie an so vielen Stellen im Leben heißt es auch beim Grün-Leben: Du musst nicht perfekt sein. Du musst nicht alles können, du musst nicht auf alles achten. Der Weg ist das Ziel!

 

Mach doch mal ’n Punkt

Als mein Freund mich eines Abends wiedermal anflehte, dieses eine Mal die Frischkäsedose einfach nur wegzuschmeißen und sie nicht noch zum x-Mal wiederzuverwenden, resignierte ich. Okay, aber dafür kaufe ich meine Schokoladen ab morgen nur noch fair trade …

 

Übrigens: Die eigene Balkonernte pusht das gute Gewissen auf Höchstform. Gibt es etwas Grüneres, als sich sein eigenes Biogemüse in den Mund zu schieben? Sicherlich. Aber dafür ist dieser Schritt in Richtung Nachhaltigkeit auch noch unglaublich lecker …:

Meine Kritik an dem Konzept Nachhaltigkeit

Ein frischer Linsensalat mit knackigen Radieschenscheiben frisch vom Balkon. Kresse, Ras El Hanout und Feta geben dem Salat seinen aromatischen Geschmack.

Nachhaltigkeit - Mehr Schein als Sein?

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Nachhaltigkeitsworkshops von re:think

 

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11 comments

Ineke October 12, 2016 - 19:38

Du hast total Recht. Ich bin momentan total fasziniert von der ganzen Zero Waste Geschichte aber bis es da mal bei mir komplett soweit ist, ist es wahrscheinlich noch ein weiter Weg. In der Gesellschaft in der wir Leben ist es leider gar nicht erst möglich 100% ethisch einwandfrei, tierlieb und umweltbewusst zu leben, an irgendwelchen Sachen scheitert man immer, sei es am neuen Kleid, am Smartphone oder am Budget das eben nicht erlaubt nur Bio zu kaufen. Trotzdem, habe keine Lust mir ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen nur weil ich eben vegetarisch und nicht vegan unterwegs bin oder mein Gemüse auch mal beim Discounter kaufe. Wenn jeder ein bisschen macht wäre schon viel getan. Und bis dahin freu ich mich über die drei Tomaten die auf meinem Balkon wachsen. :)

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re:THINK – Zeit, über eine bessere Zukunft nachzudenken | re:BLOG October 14, 2016 - 08:41

[…] Kritisch-nachdenkliche Töne schlägt Emilie auf „Emilies Treats“ an. Es geht um die Frage: „Nachhaltigkeit – mehr Schein als Sein?“ Sie stellt fest: „Wenn wir ehrlich sind – zu uns und zu anderen – haben wir alle unsere schwarzen Schafe bei unserem Versuch „Grün zu leben“. In ihrer ehrlichen Bestandsaufnahme stellt sie aber auch fest, dass allzuviel Strenge nichts bringt: Der Weg ist das Ziel. Hier weiterlesen … […]

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Jenni October 20, 2016 - 12:03

Liebe Emilie!

Ich finde, du sprichst da ein unglaublich wichtiges Thema an!
Auf dem Green Blogger Meetup vor einigen Tagen haben wir unter anderem genau diese Frage diskutiert – und es gibt wirklich viele Menschen, die an dem Konflikt zwischen Konsum und Nachhaltigkeit irgendwie zu nagen haben (mich eingeschlossen). Perfektionismus gibt es nicht – das ist etwas, das wir uns immer vor Augen halten müssen, aber so leicht vergessen. Ich neige manchmal auch dazu, die Dinge ein wenig zu enthusiastisch anzugehen und merke aber schnell, dass das weder mir noch meiner Umgebung guttut. Nachhaltigkeit soll ein dauerhafter Lebensstil sein – und damit er das sein kann, muss er Spaß machen. Wir mögen alle ungerne etwas verfolgen, das mit Zwang und Restriktion behaftet ist…

Liebe Grüße
Jenni

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milchmädchen November 6, 2016 - 23:08

Danke Dir für diesen Post, der so gut auf den Punkt bringt, was ich mich selber gerade immer wieder frage: Wann ist gut gut genug? Wie sehr kann, darf, will ich mich einschränken, wenn es um das “richtige” Leben geht? Trage ich den pilligen Pulli, bis er ganz auseinander fällt, weil er “im Prinzip” ja noch in Ordnung ist und warm hält – oder gönne ich mir bei Gelegenheit doch einen neuen? Ertrage ich die Teespuren am Geschirr, die das selbstgemixte Spülmittelpulver nicht erwischt, oder nutze ich doch wieder das “böse” Normale? “Reicht” es nicht, Fahrrad zu fahren, möglichst saisonal, regional, biologisch und verpackungsfrei zu kaufen und auf 7263 andere Dinge zu achten?
Dass man am Ende des Tages ein Leben lebt, in der es auf diese Fragen keine allgemeingültige Antwort gibt, lassen einen die #zerowaste-, #minimalismus- und #gogreen-Fluten im Netz manchmal vergessen…
Herzlich, Charlotte

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Emilie November 7, 2016 - 17:26

Liebe Charlotte,
vielen Dank für dein Feedback, es bedeutet mir viel. Beispiele, wie du sie nennst, finde auch ich in meinem Alltag noch viele. Es ist schwierig, die richtige Balance zu finden und vor allem: Sich nicht fertig machen zu lassen. Die Tendenz, halb ohnmächtig den Kopf in den Sand zu stecken, ist da – vor allem nach so tollen Dokumentationen wie “Before the Flood”. Aber wir machen schon sehr viel richtig! Es ist wichtig, das für sich auch klar anzuerkennen. :)
Auf jeden Tag immer noch ein wenig besser und nachhaltiger! ;) Ich drücke dich, Emilie

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Ute-Marie March 17, 2017 - 09:06

Hallo Emilie,
ich habe mir meine Gedanken über nachhaltiges Leben gemacht. Auch ich fühle mich oft ertappt, bei all des vielen Tipps im Netz. Denn ich weiß, dass ich nicht vollkommen bin und ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, das die extreme Radikalität einer Einzelnen etwas bewirkt. Die Zeiten von Gandhi und Mutter Theresa sind wohl vorbei – weil der Leidensdruck in Westeuropa wohl noch nicht groß genug ist und weil wir eben alle keine Superhelden sind. Dennoch denke ich wie du, es ist gut und wichtig als Einzelne in die richtige Richtung zu gehen. So werden wir viele.
Ich habe über das Wort Nachhaltigkeit, wie es inzwischen scheinbar wahllos, für jeden passend genutzt wird auf unser Seite: http://www.wohindamit.de/nachdenken-ueber-nachhaltigkeit/ geschrieben. Witzigerweise sehe ich, das wir beide ungefähr zur gleichen Zeit (Herbst 2016) darüber schrieben.
Ich danke dir für deine tolle Arbeit hier im Blog.
Viele Grüße Marie

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Emilie March 23, 2017 - 08:51

Liebe Marie,
vielen Dank für den Verweis auf deinen Blog, ich bin beeindruckt von der Vielzahl der Tipps! :) Wir alle sollten nicht aufhören, uns zu verbessern. Jeder muss den Schritt in die richtige Richtung gehen, einmal losgelaufen geht es auch viel einfacherer. Mit unseren Beiträgen können wir die Menschen ein wenig anschubsen und die Richtung vorgeben.
Viele Grüße,
Emilie

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Lisa August 22, 2017 - 14:27

Hallo Emilie,

dein Artikel gefaellt mir sehr gut. Wir sind derzeit auf einer kleinen Weltreise. Dort haben wir die Plastikproblematik mit eigenen Augen gesehen und unser Verhalten ziemlich stark veraendert. Wir verzichten so weit es geht auf Plastik und andere Produkte.

Perfekt werden wir aber auch nie sein – aber darum geht es auch nicht. Wenn jeder einen Schritt in eine gruenere Richtung macht ist dass doch schon mal richtig stark!

Einen ganz lieben Gruss

Lisa und Joy

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Steffi October 15, 2017 - 11:08

Emilie,
eigentlich nur auf der Suche nach einem leckeren Rezept für motivierende Montagsmuffins fürs Büro bin ich über Deine Seite gestolpert und find’s toll wie Du das Thema Ernährung, Gesundheit und Nachhaltigkeit angehst. Mit dem Aertikel hier hast mir gerade genau aus der Seele gesprochen und wie ich anhand der Kommentare lese noch vielen anderen Grünlingen. :) Ich denke wir sollten uns gegenseitig und selbst immer mal wieder auf die Schulter klopfen und vom Perfektionsstreben runterholen. Dogmen sind nie der gesündeste Weg und sie versauen nur den Spaß – und ich glaube Freude und Neugier sind was uns am Ball hält. Also lieber mit Spaß ausprobieren und unsere eigenen schwarzen Schafe wie Du sie nennst mit nem Schmunzeln grasen lassen.
Ich werd weiter ab und an bei dir stöbern. :)

Liebe Grüsse,
Steffi

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Kate February 19, 2018 - 11:49

Hallo Emilie,

ein sehr wichtiges Thema, und du hast es wunderbar auf den Punkt gebracht (im wahrsten Sinne des Wortes). Ich und mein Mann haben vor ca. 7 Jahren angefangen, uns “mit der Welt und der Ernährung” zu befassen. Seitdem leben wir vollwertig, machen alles selbst, was geht, kaufen unser Fleisch beim Bauern vor Ort, wo wir uns anschauen können, wie die Kühe leben und was sie essen etc. Wir versuchen, auf Plastik zu verzichten – aber ich hab mir schon die Frage gestellt, warum ich funktionierende Plastikschüsseln wegwerfen soll, um sie durch Glas zu ersetzen. Wenn sie doch noch nicht kaputt sind?

Und spätestens beim ersten Kind kommt man an seine Grenzen. Man kann Kinder nicht in einer biologischen, vollwertigen und plastikfreien Seifenblase aufwachsen lassen. Im Kindergarten gibt’s Legosteine, das Essen kommt aus der Großküche, beim Kindergeburtstag von Freunden gibt’s Pommes mit Supermarkt-Wienern und ekelhaft gesüßtem Ketchup. DANN IST DAS EBEN SO! Wichtig ist, dass man versucht, alles was geht zu tun, und seinen Kindern seine Werte mit auf den Weg gibt. Damit sie später vielleicht mit Freunden im Dönerladen stehen und den vegetarischen Döner nehmen, nicht den mit dem billigen Pressfleisch.

Was man steuern kann, macht man, aber vieles liegt eben nicht in unserer Hand. So, wie man eben Kollegen und Freunde nicht bekehren kann, jeder muss seinen Weg finden und mehr als Denkanstöße kann man nicht geben.

Liebe Grüße aus der Oberlausitz
Kate

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Emilie February 24, 2018 - 17:18

Liebe Kate, das hast du so wundervoll zusammengefasst. Vielen Dank für deine Worte und das Teilen deiner Erfahrungen. Ich beobachte gerade, wie meine großartige Schwester den Spagat zwischen nachhaltigen Ansätzen und Gelassenheit schafft, ihr Sohn ist jetzt 1,5. Das finde ich sehr beeindruckend!
Viele Grüße,
Emilie

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