Wenn deine Ernährung zu gesund wird – Wie dich Clean Eating krank machen kann (Orthorexie Teil 1)

by Emilie

Die Frage, die mir von Freunden, Bekannten und Bloggern am häufigsten gestellt wird, ist: „Hat sich deine Ernährung durch das Studium eigentlich verändert?“.

Und meine Antwort lautet: Ja! Aber wahrscheinlich anders, als ihr denkt: Ich bin lockerer geworden. Ich ernähre mich weniger dogmatisch und denke noch weniger über mein Essen nach als noch vor ein paar Jahren.

Die folgende Serie ist eine sehr persönliche. Ich habe selbst eine Weile gebraucht, um mich selbst so reflektieren zu können, wie ich es jetzt tue.

 

„Clean Eating“ trifft Schönheitswahn

Mit weit mehr als 25 Millionen Instagramfotos unter dem Hashtag #cleaneating und einer breiten medialen Aufmerksamkeit hat wohl schon jeder einmal vom Trend „Clean Eating“ gehört. Die Vollwerternährung 2.0 begeistert vor allem gesundheitsbewusste Menschen und Weltverbesserer. Viele „Clean Eater“ sind vegan.

Doch auch jede Menge Teenager begeistern sich zunehmend für die Diät, die reinere Haut, glänzende Haare, besseren Schlaf und einen inneren „Glow“ verspricht. Junge Frauenmagazine und die sozialen Medien bewerben Zucker als Gift, Mehl als Magenkleber und raffinierte Fette als Energie- und Zellfresser – nur wer auf Clean Eating umsteigt, schafft den Weg raus aus dem Teufelskreis aus Zuckerhigh und Fresskoma, wird endlich ausgeglichen und findet zu sich selbst.

 

Throwback Mai 2014:

Ich stehe vor einem Straßenladen in Bali. Seit knapp 5 Monaten versuche ich nun schon, komplett auf Zucker zu verzichten. Auch Weißmehl esse ich nur noch selten. Die Regel „Iss nichts, was mehr als 5 Zutaten hat“ setze ich um – im neuseeländischen Supermarkt weiß ich genau, was ich kaufen kann und was nicht.

Doch jetzt stehe in Bali, wo das Essengehen zur Kultur gehört. Wo nur wenige Familien selbst eine Küche besitzen und deshalb ihre Mahlzeiten an den Straßenläden zu sich nehmen. Wo es keine Zutatenliste gibt und die Luft verdächtig nach Frittier-Fett riecht. Und wo alles so verdammt lecker und exotisch aussieht.

Ich stehe nach einer geschlagenen Stunde Suche weinend vor meinem Freund. Ich kann nicht mehr. Der Laden, in dem es laut Trip Advisor rohe Smoothies geben soll, hat zu. Bis auf eine naturbelassende Kokosnuss habe ich bisher nichts gegessen. Jetzt fange ich an, an mir zu zweifeln.

Sollte meine gewählte Ernährungsform wirklich mein Leben diktieren? Sollte sie mir wirklich verbieten, lokale Spezialitäten auszuprobieren, nur weil sie nicht clean sind?

 

Ein Supermarkt voll Lebensmittel – und du suchst trotzdem nach etwas Essbarem

Clean Eater kochen fast immer selbst. Die Zutaten sind frisch, die Gerichte kreativ und lecker. Das Kochen macht Spaß und das Essen auch – so lange man weiß, was drin ist.

Sobald es allerdings ans Auswärtsessen geht, wird es schwierig. Das Restaurant wählt man lieber selbst aus, um sicher zu gehen, etwas Cleanes bestellen zu können. Zur Geburtstagsfeier bringt man lieber den eigenen Kuchen mit, ohne Weißmehl und raffinierten Zucker. Im Ausland googelt man sich die Finger wund, um das nächste vegane oder zumindest halbwegs gesunde Lokal ausfindig zu machen. Denn noch haben sich nicht alle auf die Clean Eater eingestellt.

 

Wer sich nach den Grundsätzen von Clean Eating ernähren will, stößt beim Einkaufen auf sehr viele Produkte, die er gemäß dem Konzept nicht essen darf. Selbst in Bio-Supermärkten und Reformhäusern gibt es Convenience-Lebensmittel und verarbeitete Produkte wie Brotaufstriche, Müslimischungen oder Nudelsaucen im Glas, und auch Bio-Lebensmittel enthalten oftmals Zusatzstoffe […] Ernährungsumschau, 07.07.2015

 

So wird oftmals schon der Gang zum Supermarkt zur Herausforderung – bis man schließlich genau weiß, was man noch essen kann und auf immer mehr Lebensmittel verzichtet.

 

Orthorexie – Der Zwang, gesund zu essen

Wenn die Angst vor ungesundem, krankmachenden Inhaltsstoffen so stark zunimmt, dass es nur noch ausgewählte Lebensmittel auf den Speiseplan schaffen, wird es krankhaft. Den Zwang, gesund zu Essen nennt man Orthorexie – abgeleitet von dem griechischen Wort Ortho, was korrekt bedeutet.

Orthorektikern ist es egal, wie viel sie essen – was zählt, ist die Qualität des Lebensmittels. Häufig werden „gesunde“ Lebensmittel idealisiert, „ungesunde“ verteufelt – es entsteht eine Angst, sich und seinem Körper etwas Falsches, nicht Gesund- bzw. Krankmachendes zuzuführen.

Pommes werden beispielsweise nicht vom Speiseplan gestrichen, weil sie so viele Kalorien haben, sondern weil gesättigte Fettsäuren die Arterien verstopfen und freie Radikale die Zellen schädigen.

Das ständige Reflektieren seines eigenen Essverhaltens ist sehr anstrengend und zehrt aus – den Geist und den Körper. Dennoch nehmen Orthorektiker das selbst gar nicht so wahr, im Gegenteil: Sie sind davon überzeugt, sich selbst nur Gutes zu tun. Gesundes Essen ist vorbildlich, die Recherche interessant und sich sein Essen selbst vorzubereiten macht Spaß.

 

Auch ich fühlte mich in meiner absolut „cleanen“ Zeit stark, schön und sehr gesund. Als ich merkte, dass ich immer dünner wurde, meine Gedanken nicht aufhörten, um Essen zu kreisen und ich nicht einen einzigen Industriekeks mehr herunterbekam, ohne davon ein schlechtes Gewissen zu bekommen, zog ich die Reißleine. Ich stand am Rand einer Orthorexie und habe das erst heute erkannt.

 

Morgen auf dem Blog: Ab wann wird gesundes Essen wirklich krankhaft? Wie erkenne ich eine Essstörung?

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11 comments

Jenni November 8, 2016 - 19:14

Liebe Emilie!

Wow, was für ein Artikel! Danke dir für so viel Ehrlichkeit und außerdem die ganzen Informationen, die du eingearbeitet hast!
Ich finde es wichtig, dass auch und gerade über solche Phänomene geschrieben wird, da ich das Gefühl habe, viele Menschen kennen diese Form der Ess-Störung noch nicht bzw. verharmlosen sie.
Ich muss gestehen, dass wir auch sehr darauf achten, was wir konsumieren und ebenfalls ausschließlich selbst und frisch kochen. Aber bei uns kommen da mehrere Faktoren zusammen (Müllvermeidung, gesundheitlicher Aspekt, Veganismus und allgemein Nachhaltigkeit) und wir haben absolut nichts, auf das wir “verzichten” müssten Wir beschäftigen uns auch nicht übermäßig mit Nährwerttabellen oder Mineralwerten und Fettsäureprofilen oder Essen generell – es macht uns einfach Freude, frisch und gesund zu essen, das ist alles. ;)

Liebe Grüße
Jenni

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Emilie November 8, 2016 - 19:25

Liebe Jenni,
wie schön, dass der Artikel auf interessierte Augen trifft. :) Ich verfolge deinen Lebensstil ja schon länger und kann dir sagen: Alles gut. ;) In dem morgigen Teil der Serie erkläre ich auch nochmal, wie man selbst anhand von ein paar einfachen Fragen prüfen kann, ob man noch eine gesunde Beziehung zum Essen hat oder sich selbst ein wenig mehr reflektieren sollte. Es geht vor allem um die schiere Panik davor, etwas “Ungesundes” zu essen – die ist in unsere heutigen Welt nicht nötig.
Viele Grüße,
Emilie

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Lea November 10, 2016 - 16:10

Toller Artikel : )

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Emilie November 10, 2016 - 16:12

Vielen Dank, liebe Lea! :)

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Laura November 15, 2016 - 22:27

Liebe Emilie,

vielen Dank für deinen ehrlichen und meinungsstarken Artikel. Ich persönlich kann mich absolut mit deiner Erfahrung identifizieren. Ich finde das ganze Thema unheimlich spannend und konnte es sogar im Rahmen meiner Bachelorarbeit genauer bearbeiten. Dadurch ist mir auch sehr vieles klar geworden und ich habe viel Einsichten gewinnen können. Wahrscheinlich hab ich gerade dieses Thema für meine Arbeit ausgewählt, da ich selbst ebenfalls über einen längeren Zeitraum von dem Thema besessen war. Dadurch, dass man Ernährungswissenschaften studiert, fühlt man sich selbst super verantwortlich für seine Ernährung und wird jeden Tag aufs Neue damit konfrontiert. Dass ich mir dabei nicht immer selbst etwas Gutes getan hab war mir sehr lange Zeit nicht bewusst. Gerade der psychische Stress, der durch die Verbote und den “Leistungsdruck” der “perfekten” Ernährung entstehen, haben mich unbewusst in eine Richtung getrieben, die nicht nur übertrieben war, sondern mir auch den Spaß am Essen nahm. Mittlerweile kann ich mein eigenes Verhalten besser reflektieren und Genuss steht für mich wieder an gleichwertiger Stelle. Gesunde Ernährung wird für mich immer eine Priorität in meinem Leben sein, aber ich bin nicht bereit, den hohen Preis, nämlich ein konstant schlechtes Gewissen und deprimierende Gedanken, dafür zu zahlen, dass ich von Anderen und mir selbst als perfekter Körper wahrgenommen zu werden. Ernährung sollte jedem gut tun und an der Stelle, an der man stattdessen Druck und Stress empfindet, ist es Zeit, die Handbremse zu ziehen. Nicht jede Essstörung ist offensichtlich, also Danke für das Teilen deiner Erfahrung.

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Emilie November 18, 2016 - 18:53

Liebe Laura, entschuldige die späte Antwort. Ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut und fände es super spannend, mehr über deine Bachelorarbeit zu erfahren. Schreibe dir gleich mal eine E-Mail… ;) Ich kann vieles total nachvollziehen, was du sagst. Allerdings war es bei mir tatsächlich so, dass ich erst durch’s Studium eine viel differenziertere und entspanntere Sichtweise auf meine Ernährung bekommen habe. Ich kenne mich mit meinem Körper jetzt gut aus und weiß: Er schafft das schon. An dem einen Schokoriegel mit Zucker, gesättigen FS und Billigheimer-Mehl werde ich nicht sterben. ;) Obwohl ich natürlich trotzdem sehr auf meine Ernährung achte, einfach, weil es mir Spaß macht. Ich denke, wir befinden und jetzt beide an einem gesunden Punkt: Uns ist bewusst, wie wichtig eine ausgewogene Ernährung ist, versuchen aber auch nicht krampfhaft, sie zu perfektionieren. Denn es ist wie mit allen Dingen im Leben: Perfekt geht eh nur sehr sehr selten und der Weg dahin ist umheimlich anstrengend und deprimierend und es einfach nicht wert.
Danke dir ebenfalls für’s Teilen deiner Geschichte. Ich drücke dich,
Emilie

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Christina November 21, 2016 - 17:19

Hey :) ich finde den Artikel sehr gelungen, war richtig traurig, dass er schon zu Ende ist. Bei mir wechselt sich das “gesunde” essen immer mit “mir ist komplett egal was ich esse” ab.

Liebe Grüße, Christina
http://www.christinawaitforit.com

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Emilie November 21, 2016 - 18:02

Oh, liebe Christina, das ist aber ein schönes Kompliment! :) Vielen lieben Dank. Und ja – diese Phasen kenne ich auch. :D

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Andreas October 28, 2017 - 15:23

Hallo Emelie,
ein spannendes Thema.
Ich persönlich esse seit vielen Jahren wirklich komplett gesund, aber ich kenne solche Probleme nicht. Zum einen: wenn ich utnerwegs bin, sorge ich dafür, dass ich etwas dabei habe, was ich essen will. Wenn das nicht geht, werden Ausnahmen gemacht. Genauso, wenn ich z. B. irgendwo eingeladen bis usw. Wenn wir als Basis jeden Tag, dass, was wir zu Hause essen, auf gesunde Nahrung essen, macht dem Körper das garantier nichts aus, wenn wir einmal Ausnahmen machen. Das ist, denke ich, die Einstellung, die entspannt ist, die auch gut funktioniert.

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Emilie October 30, 2017 - 16:08

Lieber Andreas,
toll, dass es dir mit deiner Ernährung so gut geht! So soll es sein. Und ganz klar: Ausnahmen sind das, was uns alle menschlich macht. Wichtig ist, diese für uns anzunehmen und uns deswegen nicht schlecht zu fühlen. :) Im Gegenteil: Leckere Ausnahmen sind super für unser Wohlbefinden! Im Restaurant z. B. suche ich mir das aus, worauf ich am meisten Lust habe. Im Alltag esse ich dafür etwas bewusster.
Viele Grüße und Danke für das Teilen deiner Erfahrung,
Emilie

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Increased awareness November 2, 2017 - 13:10

Liebe Emilie,
vielen Dank für deine Offenheit! Ich finde es sehr wichtig, dass dieses Thema angesprochen wird und es ist toll wie du als Vorbild agierst, indem du dein Handeln kritisch reflektierst. Unserer Gesellschaft orientiert sich immer mehr an Extremen (im Hinblick auf die Ernährung, aber auch allgemein): Der Wahn vom dünn sein auf der einen Seite, das Anpriesen von Kurven auf der anderen Seite, der Clean-eating Trend als Gegenbewegung zu einer Fastfood-Esskultur – sein Bewusst zu erhöhen ist gut, Dogmatismus nicht. Nahrung ist ein hohes Gut und sollte genossen werden. Nichtsdestotrotz finde ich mich in vielen Formulierungen wieder – im Urlaub ist es manchmal schwierig mich vegan zu ernähren und ich merke dann wie ich mit mir selber ringe, ob ich jetzt etwas vegetarisches essen soll oder gar nichts. Es ist sehr wichtig mit sich selber mitfühlend und verständnisvoll zu sein, man selber ist ja auch nur ein Mensch.
Liebe Grüße,
Alina

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