Alles, was du über Ballaststoffe und Dickdarmbakterien wissen solltest ( + 5 Fakten, von denen du wahrscheinlich noch nie gehört hast)

by Emilie
Alles, was du über Ballaststoffe und Dickdarmbakterien wissen solltest ( + 5 Fakten, von denen du wahrscheinlich noch nie gehört hast)

 

Dass eine ballaststoffreiche Diät sinnvoll ist, haben wir alle schon gehört. Doch warum ist das eigentlich so? Was genau machen die Ballaststoffe in unserem Körper?

Tipp für Eilige: Die interessantesten Fakten, die auch ich erst während meines Studiums gelernt habe, stehen im vierten Abschnitt. ;)

 

Ballaststoffe sind per se unverdaulich

Zu den Ballaststoffen gehören kompliziert klingende Stoffgruppen wie Dextrine, Glucane, Fruktane oder auch Hemicellulosen. Wenn wir uns die Vertreter dieser Gruppen genauer anschauen, wird uns der eine oder andere Name bekannt vorkommen. Pektine haben etwas mit Omas Apfelschalen-zum-Marmeladekochen-Methode zu tun, Xanthan stand doch mal auf der einen Kaugummiverpackung drauf und von Inulin war in Diätprodukten die Rede. Auch Cellulose sagt uns noch was aus dem Biounterricht und Agar kennen viele Veganer als Gelantineersatz.

All diese Verbindungen haben eines gemeinsam: Ihre einzelnen Bausteine sind so miteinander verknüpft, dass unsere körpereigenen Scheren sie nicht auseinander schneiden können. Unsere Enzyme arbeiten nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Ballaststoffe sind nichts anderes als viele altbekannte Schlösser, für die unser Körper aber immer noch nicht die richtigen Schlüssel gefunden hat.

 

Das heißt im Klartext: Bestimmte Stoffe, die in den verschiedensten Lebensmitteln vorkommen, wandern unverdaut durch unseren fünf bis sechs Meter langen Dünndarm durch, ohne einmal von unserem Enzym-Schlüsselbund auch nur angeschaut zu werden.

 

Von Sattheitsgefühlen und angenehmen Darmmassagen

Der große Vorteil von Ballaststoffen ist, dass sie teilweise sehr große Mengen von Wasser binden können. Ein kleines, unverdautes Stückchen Apfelschale kann dann plötzlich zu etwas viel größerem werden.

Vor allem Binde- und Geliermittel sind dafür bekannt, dass sie im Wasser aufquellen. Das, was in der Marmelade oder im Eis von Vorteil ist, lässt sich auf die Ballaststoffe in unserem Darm übertragen. Hier vergrößern sie ihr Volumen schon im Magen so stark, dass wir uns schneller voll fühlen.

Mehr Volumen bedeutet auch mehr Druck auf die Magen- und Darmwände. Das heißt einerseits, dass unserem Gehirn vermittelt wird: Wir sind satt, danke, dass reicht mit dem Obstsalat. Andererseits fordern die Ballaststoffe unseren Darm zum Tanz auf: Er beginnt, sich kräftig zu bewegen und unser Essen ordentlich durchzukneten. Dieses Anregen der Darmperistaltik treibt unsere Verdauung voran. Das größere Volumen des Speisebreis, das auch im Darm noch groß bleibt, sorgt für eine ideale Stuhlmenge und –konsistenz.

 

Ballaststoffe binden Cholesterin und Glucose

Unverdauliche Nahrungsbestandteil binden Steroide, also auch Cholesterin und Gallensäuren. Das hilft vor allem Menschen mit einem Zu-viel an Cholesterin und zwar gleich doppelt: Überschüssiges Cholesterin wird vermehrt ausgeschieden und Körpercholesterin wird gleichzeitig vermehrt verbraucht. Da wir Gallensäuren aus Cholesterin herstellen, müssen wir bei vermehrter Ausscheidung dieser Säuren unsere Cholesterinvorräte ankratzen – Win-Win für unsere Blutfettwerte.

Auch die Glucoseaufnahme wird durch reichlich Ballaststoffe in der Nahrung verzögert. Das hilft vor allem Diabetikern, ihren Blutzuckerspiegel konstant zu halten.

 

Das große Fressen im Dickdarm

 Gäbe es die bescheidenen 2 Kilo Darmbakterien in unserem Dickdarm nicht, könnten wir eigentlich getrost sagen: Ins Klo mit den Ballaststoffen, total unnütz das Zeug. Das bisschen Darmbewegung macht den Braten jetzt auch nicht fett.

Es gibt sie aber, die noch so unerforschten und super spannenden kleinen Mitbewohner unserer Darmwelt, deren Leibnahrung genau das ist, was unsere Enzyme so arrogant ignorieren.

 

Wir können davon ausgehen, dass die Symbiose aus Mensch und intestinalem Mikrobiom (so bezeichnet man die Gesamtheit aller Bakterien in unserem Darm) nur dadurch zustande kam, dass wir Menschen bestimmte Stoffe nicht spalten können. Dort, wo die Stoffe ankommen, herrscht ein ganz besonderes Klima. Hier findet sich so gut wie kein Sauerstoff, es ist dunkel und feucht und ständig kommt Nachschub an unverdauter Nahrung an. Hier fühlen sich etwa 100 Milliarden Darmbakterien der verschiedensten Spezies wohl und verarbeitet die Ballaststoffe zu für uns lebenswichtigen Stoffen.

 

Was die Darmflora mit unseren Ballaststoffen alles anstellen kann

Abbau zu Fettsäuren

  • Ballaststoffe werden häufig zu kurzkettigen Fettsäuren abgebaut. Diese gelangen, im Gegensatz zu langkettigen Fettsäuren direkt in Blut und stehen für uns als Energie zur Verfügung. Vor allem die Zellen, die direkt ans Darminnere angrenzen, nutzen die entstehenden Fettsäuren für ihren Stoffwechsel.

 

Vitaminherstellung

  • Bestimmte Bakterien können aus Ballaststoffen Vitamine gewinnen. Vor allem Vitamin B12 wird so für uns zur Verfügung gestellt.

 

Schutz vor Eindringlingen

  • Milchsäurebakterien produzieren – wie ihr Name schon sagt – Milchsäure. Das saure Milieu schützt unseren Körper vor bösartigen Bakterien. Außerdem verhindert eine stabile Darmflora das ungehinderte Ausbreiten von Durchfallerregern.
    Interessant und unter dem Mikroskop gut zu erkennen: Genau unter der Zellschicht, die an den Darminhalt grenzt, findet sich eine enorme Anzahl an Immunzellen. Das macht den Darm zum wichtigsten Organ der Immunabwehr!

 

Schutz vor Pflanzenschutzmitteln

  • Bestimmte körperfremde und sogar giftige Stoffe, zum Beispiel aus Pflanzenschutzmitteln auf Obst und Gemüse, können von unseren Bakterien abgebaut oder gebunden werden. Sie werden somit entschärft oder zusammen mit den Bakterien gefahrlos ausgeschieden.

 

Blähungen, Pupse und Bauchweh

  • Doch unsere Bakterienmannschaft ist nicht nur hilfreich, nein, sie kann uns auch ganz schön ärgern. Das sind dann die Momente, an denen wir sie bewusst wahrnehmen und über ihre Anwesenheit weniger erfreut sind. Einige pflanzliche Ballaststoffe werden durch unsere Darmflora fermentiert und es entstehen (teilweise giftige) Gase. Diese drücken uns nicht nur auf den Darm und blähen ihn auf, sie können auch unsere Darmwand reizen. Zu viel davon kann zu ernstzunehmenden Problemen führen und muss vom Arzt behandelt werden.

 

CAVE: Dickdarmbakterien können dick machen!

  • Ballaststoffe, die unverdaut mit dem Stuhl ausgeschieden werden, liefern uns keine Energie, sind also so gesehen kalorienfrei. Werden jetzt aber resistente Stärken und Co. doch zu Glucose abgebaut, ist der schöne Effekte der kalorienarmen Ernährung dahin.

 

Die Darmbesiedlung eines jeden Menschen ist unterschiedlich und nicht jeder Darm beherbergt eine große Anzahl an spaltungsfreudigen Dickmacherbakterien. Wissenschaftler vermuten, dass das auch ein Grund dafür sein kann, dass manche Menschen eher zu Fettleibigkeit neigen als andere. Durch ein bisschen Pech haben sich im frühen Kindesalter die „falschen“ Bakterien im Darm angesiedelt, die nun fleißig Kalorien aus eigentlich nicht zur Energielieferung gedachten Nahrungsbestandteilen generieren. In der Evolution mag das mal ein Vorteil gewesen sein – heute wird daran geforscht, diese Gruppe an Bakterien an der Arbeit zu hindern oder sie aus unserem Darm zu vertreiben.

 

 

 

Zum Informieren und Nachlesen:

http://www.medicoconsult.de/Mikrobiom/

 

 

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4 comments

Maria April 8, 2016 - 15:59

Sehr interessant- ausserdem machst du dir eine Menge Arbeit . Vielen Dank liebe Emilie

Reply
Emilie April 8, 2016 - 20:12

…Und es macht mir super viel Spaß. :) Danke für deinen lieben Kommentar, Maria!

Reply
Anna October 19, 2018 - 19:37

Hallo Emilie, ich bin gestern auf deinen Blog gestoßen und muss sagen: du kannst super verständlich und auch witzig schreiben. Die Idee “Hülsenreich” finde ich klasse, es ist einfach schwer, unterwegs einen gesunden Snack zu finden oder was zu knabbern, was sich gut mitnehmen lässt und lange hält. Also viel Glück bei dem Aufstieg eures Unternehmens!
Eine Frage ist mir nur bei deinem Artikel über Ballaststoffe gekommen; Wenn die Darmbakterien aus Ballaststoffen Vitamin B12 gewinnen können, warum müssen dann Veganer (die ja besonders viele Ballaststoffe essen) ausgerechnet das als einziges inTablettenform zu sich nehmen? Das habe ich nicht ganz verstanden.
Danke für die Mühe, die du dir machst, um dein Wissen zu teilen!
Anna

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Emilie October 20, 2018 - 12:35

Liebe Anna, das ist eine fantastische Frage, vielen Dank dafür!
Vitamin B12 wird vor allen von unseren Zellen im Dünndarm aufgenommen, denn der Dünndarm ist der Ort, an dem wir Nährstoffe am besten resorbieren können. In den verschiedenen Abschnitten gibt es übrigens auch verschiedene Zelltypen, die das eine oder das andere bevorzugt aufnehmen. Im Dickdarm passiert da leider nicht mehr so viel. Das Vitamin B12 der Bakterien reicht also nicht zur Bedarfsdeckung aus: Einmal, weil nicht genug entsteht. Und außerdem, weil das meiste unaufgenommen ausgeschieden wird, also auch eine große und aktive Kolonie an Bakterien würde da nicht ausreichen.
Danke dir ebenfalls für die lieben Worte zu meinem Tun, das motiviert! Ich freue mich immer riesig, wenn ich Menschen zum Weiterdenken anregen kann, also stelle mir ruhig weiterhin Fragen, das inspiriert auch mich und andere LeserInnen sehr.
Ganz lieber Gruß,
Emilie

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