Bad Guy Fructose – Warum Fruchtzucker der neue Feind Nr. 1 ist

by Emilie
Bad Guy Fructose – Warum Fruchtzucker der neue Feind Nr. 1 ist

Über Ernährungsempfehlungen, Quetschies und ungesunde Irrtümer

 

Ernährungsempfehlungen ändern sich regelmäßig, und kommen meist erst recht spät bei der breiten Bevölkerung an.
Sobald es eine ausreichend repräsentative Studienlage zu einem gewissen Thema gibt, wird in den Ernährungsgesellschaften der Länder über neue Leitlinien diskutiert. Bevor „der kleine Mann“ die neuen Richtlinien richtig verinnerlicht hat, müssen sich erst große Medien dem Thema annehmen. Besonders schnell geht das, wenn reißerische Überschriften wie „X macht fett“ oder „Y verursacht Krebs“ publiziert werden können.

 

Fruchtzucker klingt nach Frische, Obst und natürlicher Süße. Über viele Jahre hinweg galt Fructose als ein idealer Alternativzucker. Die Industrie fing an, immer mehr mit Fructosesirup zu süßen und durfte ihre Produkte ab 2013 als besonders gesund bewerben (mehr dazu einen Absatz später). Diabetikerprodukte enthielten anstatt von Glucose Fructose – Millionen dieser Diabetikerschokoladen wurden gekauft und gegessen, ich erinnere mich noch genau, wie mein Opa damals in einer Eisdiele Diabetikereis gekauft hat – das war einfach Eis mit purer Fructose gesüßt.

 

Ungesunde Irrtümer und absurd „gesunde“ Produkte

Immer noch liest man auf vielen Verpackungen „mit Fruchtsüße“ und „natürlich mit Fruchtzucker“. Interessanterweise kommen auch weiterhin neue Produkte auf den Markt, die vor Fructose nur so strotzen und als gesund verkauft werden. Quetschies, Breie aus pürierten Früchten, die Tonnen von Abfall produzieren und vor allem für Kinder geeignet sein sollen, enthalten den Fruchtzucker in Massen. Durch das Genuckel und Gezutsche verteilt sich der Zucker schön im Mund und bleibt lange an den Zähnen kleben. Karies here we go, denn auch wenn Fructose weniger kariogen ist als Glucose – gut für die Zähne ist die Zuckermassage ganz bestimmt nicht.

Dabei weiß die Wissenschaft seit einigen Jahren, dass das mit der Fructose keine so gute Idee war. Schon 2010 änderte das Bundesinstitut für Risikoforschung die Diätverordnung. Bis 2012 sollten alle Diabetikerprodukte mit Fruchtzucker vom Markt verschwinden, da feststand: Glucose-Austauschstoffe sind mitnichten gesünder und helfen Diabetespatienten auf keinen Fall weiter.

 

Bad Guy Fructose – Warum Fruchtzucker der neue Feind Nr. 1 ist

Bildquelle: rbb-online

 

„Health Claim“ für Fructose

2013 dann das Streitthema unter Wissenschaftlern Nummer 1: Die EU erlaubt Lebensmittelherstellern, ihre Produkte als besonders gesund zu bewerben, wenn mindestens 30% des Zuckers durch Fructose ersetzt wurde. Begründung: Fructose lässt den Blutzuckerspiegel weniger stark ansteigen. Forscher, die sich schon eine Weile mit dem Fruchtzucker beschäftigt haben, sind in Aufruhr. Schon seit ein paar Jahren wurde mehrfach bestätigt: Fructose macht sehr wahrscheinlich dick. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit spricht ihre Bedenken aus.

Bad Guy Fructose – Warum Fruchtzucker der neue Feind Nr. 1 ist

Warum wir (zugesetzte) Fructose meiden sollten

Was seit Jahren vermutet wurde und für viele Wissenschaftler schon feststand, scheint jetzt auch endlich in den Massenmedien anzukommen. Fructose ist nicht so toll, wie wir immer dachten, im Gegenteil sollten wir die Glucosealternative lieber vermeiden. Hier kommen die sechs wichtigsten Fakten, warum Fructose der neue Bad Guy ist.

Achtung: Ich spreche mich nicht gegen Obst generell aus, empfehle aber, es bei maximal 3 Portionen pro Tag zu belassen.

 

  1. Irrtum Nummer 1: Fructose hat weniger Kalorien als Glucose

Ein Irrglaube, der leider immer noch weit verbreitet ist, aber absolut nicht zutrifft. Fructose süßt zwar stärker als Zucker, ist aber mit einem Kaloriengehalt von 406 Kilokalorien pro 100 Gramm genauso energiereich wie Glucose, Maltose oder auch Lactose.

 

  1. Irrtum Nummer 2: Fructose wirkt sich positiv auf den Stoffwechsel aus

Leider nein. Mit dem Argument, Fructose würde im Vergleich zu Glucose zu einer geringeren Insulinausschüttung führen, wurde der Zuckeraustauschstoff vermehrt Produkten zugesetzt. Nun steht so gut wie fest, dass Fructose eher negative Auswirkungen auf dem Stoffwechsel haben kann, die Übergewicht fördern. Und zwar zum Beispiel…

 

  1. Fructose regt den Appetit an

Fructose beeinflusst bestimmte Hormone, die dafür verantwortlich sind, dass wir uns satt oder hungrig fühlen. Es gibt vermehrt Hinweise darauf, dass Fructose zu einer geringen Ausschüttung des Sattheitshormons Leptin führt und im Gegenteil die Ausschüttung des Hungerhormons Ghrelin fördert. Das würde bedeuten, dass wir von Fructose weniger satt und eher noch hungriger werden. Wer hungrig ist, isst mehr und wird auf lange Sicht zunehmen…

 

  1. Fructose fördert die Bildung von Fettzellen

Zufälligerweise etwas, dass hier an meinem Institut erforscht wurde/wird. Fructose, beziehungsweise ihr Abbauprodukt Glycerol-3-Phsophat, beeinflusst einen ganz besonderen Transkriptionsfaktor unserer DNA, und zwar den SREBP 1c.

Um das mal ein wenig aufzudröseln: Transkriptionsfaktoren bestimmen, wie viel von einem bestimmten Protein bzw. Enzym von unserem Körper hergestellt wird. Der Faktor SREBP 1c fördert die Bildung von Proteinen, die für den Cholesterinstoffwechsel von Bedeutung sind.

Noch einfacher gesagt: Das SREBP 1c fördert die Bildung von Fettzellen in unserer Leber. Das „zu viel“ an Fetten versucht die Leber auszuschleusen, es entsteht vor allem das „böse“ LDL-Cholesterin (mehr zum Thema Cholesterin und was das LDL macht: HIER). Die Folge sind erhöhte Blutfettwerte und ein höheres Risiko für verkalkte Arterien, Herzinfarkt etc. Und das möchte eigentlich jeder von uns vermeiden…

Übrigens: Pflanzliche Eiweiße wie Soja- oder Lupinenproteine wirken gegenteilig und hemmen den Fettbildungsfaktor.

  

  1. Fettleber schon bei Kindern und ohne Alkohol!

Eine Verfettung der Leber bringen wir eigentlich mit chronischen Alkoholikern in Verbindung. Alarmierend sind jetzt die Ergebnisse, dass mittlerweile schon Kinder eine Fettleber aufweisen. Denn wenn die Leber zu überlastet ist, schafft sie es nicht mehr, dass Fett in unserem Körper zu verteilen und auszuschleusen. Die überschüssigen Fettsäuren beginnen sich im Lebergewebe anzulagern.

 

  1. Als wäre das nicht genug… Fructose erhöht das Risiko für Nierensteine und Gicht

Nicht nur Fettsäuren werden vermehrt gebildet, auch die Harnsäurewerte erhöhen sich bei hohem Fructoseverzehr. Harnsäure ist ein Abbauprodukt in unserem Körper, dass wir nicht gut gebrauchen können. Normalerweise wird Harnsäure über die Niere unproblematisch ausgeschieden, ein Überfluss kann sich aber in Gelenken und in der Niere ablagern. Schmerzhafte Steine und Gichtanfälle sind die Folge.

 


Achtung: All diese Fakten gehen aus Studien hervor. Die Datenlage ist aber weiterhin noch nicht ausreichend und ist mit Vorsicht zu genießen. Fest steht aber eins: Fructose ist definitiv nicht der bessere Zucker.


Übrigens: Alles zum Thema Glucose, Glucosesirup und Reissirup lest ihr hier.

 

Bad Guy Fructose – Warum Fruchtzucker der neue Feind Nr. 1 ist

 

 

Zum Informieren und Nachlesen:

Neue Diätverordnung 2010: https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Magazine/MagazinVerbraucher/010/t2-diabetikerprodukte.html

Stellungnahme BfR zu Diabetikerprodukten: http://bfr.bund.de/cm/343/erhoehte_aufnahme_von_fruktose_ist_fuer_diabetiker_nicht_empfehlenswert.pdf

Health Claim Verordnung 2013: http://www.health-claims-verordnung.de/resources/HCVO+Verordnung+$28EU$29+Nr.+536_2013.pdf

Studie: Fructose regt den Appetit an: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15181085

Fructose Sättigungsgefühl: https://www.ernaehrungs-umschau.de/print-artikel/14-08-2015-hunger-und-saettigung-fruktose-saettigt-weniger-als-glukose/

Studien: Fructose erhöht Blutfettwerte: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18492831
                                                                        http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18996880

Lupinenprotein hemmt SREBP 1c: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17785965

Studie: Fettleber durch Fructose: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18395287

Studie: Nierensteine durch Fructosekonsum: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0085253815529669

Studie: Erhöhte Harnsäurewerte durch Fructosekonsum: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/art.23245/full

 

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6 comments

Sigrid / Madam Rote Rübe July 24, 2016 - 13:36

Liebe Emilie,
das war wieder mal total interessant und hat mich einmal mehr davon überzeugt, dass nichts über eine natürliche Nahrung geht und diese am besten selbstgemacht, denn dann weiß ich genau, was drin ist, nämlich das, was ich rein tue.
Vielen Dank für Deine stets informativen Artikel.
Liebe Grüße Sigrid

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Emilie July 24, 2016 - 19:28

Liebe Sigrid, danke für dein Feedback! :) Du bist genau auf dem richtigen Weg – von dir würde ich mich jederzeit gerne bekochen lassen! :D

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Martha August 2, 2016 - 18:44

Wow, da sind viele Fakten dabei, die ich noch nicht über Fruktose wusste. Und erklärt auch, warum Zucker für eine immense Erhöhung der Blutfettwerte verantwortlich sein kann, was ich oft nicht so richtig verstanden habe, wenn ich es in Artikeln gelesen habe. Oft liest man ja auch, dass die Fruktose im Obst aufgrund der Ballaststoffe weniger schädlich ist, aber auch Obst reduziere ich und esse es nur in kleinen Mengen. Da Haushaltszucker zur Hälfte aus Fruktose besteht, nimmt so mancher aber auch durch den ganzen zugesetzten Zucker in Lebensmitteln sehr hohe Mengen Fruktose zu sich, selbst wenn kein Obst gegessen wird und da hilft wohl nur eine allgemeine Reduzierung des Zuckerkonsums. Als Vorteil könnte man vielleicht noch die hohe Süßkraft sehen. Wenn ich beispielsweise selbst Fruchteis herstelle, reicht mir eine Portion Obst völlig aus und ich muss nicht zusätzlich süßen. Das reicht mir als keine Nascherei am Tag und ich habe kein Verlangen mehr nach irgendwelchen Süßigkeiten.

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Emilie August 2, 2016 - 20:26

Liebe Martha,
richtig, das mit den Ballaststoffen stimmt so auch teilweise. Ballaststoffe und auch Proteine und Fette führen dazu, dass Zucker langsamer aufgenommen wird – aufgenommen wird er trotzdem, doch der Blutzucker steigt nicht so rasant an, wie es bei einem Teelöffel purem Zucker der Fall wäre. Deswegen sage ich bei Oma auch bei der (ungesüßten) Schlagsahne zum Kuchen nicht Nein. ;) Allerdings muss man da natürlich abwiegen, inwiefern man sich die zusätzlichen Kalorien “leisten” kann und notfalls eben doch nur ein kleines Stück Kuchen nehmen.
Toll, dass du Obst als natürliche Nascherei für dich entdeckt hast. Mache ich genauso! :) Traditionelle Süßigkeiten sind mir auch viel zu süß – das ist tatsächlich Gewöhnungssache!
Ich grüße dich ganz lieb,
Emilie

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Jens September 30, 2016 - 11:54

Hallo Emilie,

ich hatte letztens erst ein Atemtest auf Fruktose und wollte mich mal mehr über das Thema erkundigen. Toller Artikel mit ziemlich vielen Fakten, die ich 1. nicht wusste und 2. auch nicht gedacht habe – seit längerem verzichte ich z.B auf alle “Süßgetränke” und trinke ausschließlich Wasser (oder Milch in Haferflocken), was mich total “sensibel” gegenüber Zucker macht. Mir fällt es ziemlich schwer, jetzt so pappsüße Getränke zu trinken und finde das auch gut so.

Ich bin auch voll und ganz bei Martha, dass ich mir dann lieber einen Pfirsich nehme, als das Naschi aus dem Schrank. :)

Nochmal: klasse Artikel, lese mir gerne noch andere von Dir durch!

Lieben Gruß,
Jens

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Emilie September 30, 2016 - 12:22

Lieber Jens,
Gewöhnung und Geschmacksprägung spielt bei der Ernährung eine ganz wichtige Rolle! Schau dazu doch auch mal hier: http://emiliestreats.de/routine-geschmackspragung-und-emotionales-essen/
Toll, dass du dich an die natürliche Süße gewöhnt hast. :) Viele liebe Grüße, Emilie

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