Ab wann wird gesundes Essen krankhaft? Wie erkenne ich eine Essstörung? (Orthorexie Teil 2)

by Emilie

Bitte lest Teil 1 dieser Reihe, um einen guten Einstieg in das folgende Thema zu finden. Vielen Dank! :)

 

Ab wann wird deine Ernährung zu gesund?

Das Gefährliche an einer Orthorexie ist, dass wir gar nicht genau merken, dass wir eine Krankheit haben. Wir fühlen uns gut, haben die volle Kontrolle über unseren Speiseplan, haben Spaß am Kochen und zuckerfreiem Backen.
Wie erkenne ich also, dass das, was ich tue, krankhaft ist?

 

Es ist eine Gratwanderung – wo hört eine ausgewogene Ernährung auf und wo fängt zwanghaftes Gesund-Essen an? Es ist nicht leicht, eine Orthorexie zu diagnostizieren, in Deutschland wird das auch kaum gemacht. Am wichtigsten ist es, auf sich selbst aufzupassen und immer mal wieder zu hinterfragen: Warum verzichte ich gerade auf diesen Schokoriegel? Weil ich ihn einfach nicht möchte oder weil ich Angst davor habe, dass er nicht gut für mich sein könnte?

 

Orthorexie – eine Art Essstörung, aber keine anerkannte Krankheit

Es könnte ein schlechter Witz sein: Geht ein Mädchen zum Arzt und fragt ihn: „Ich bin total gesund, habe aber Panikattacken, wenn mein Weizengras alle ist und werde nervös, weil ich meinen zweiten Smoothie am Tag noch nicht getrunken habe. Bin ich krank?“

 

Was soll ein Arzt dazu sagen? Die Orthorexie als solche ist leider noch kein anerkanntes Krankheitsbild. Gerade weil bisher nicht genau definiert ist, was eine Orthorexie genau ausmacht, wird sie selten diagnostiziert. Ein krankhaftes Essverhalten wird meist erst dann vom Arzt richtig wahrgenommen, wenn eine andere Essstörung (z.B. eine Bulimie) hinzukommt. Es kam aber auch schon vor, dass Ärzte das zwanghafte Bedürfnis, sich gesund zu ernähren erkannten – und es dann als Anorexia nervosa einstufen, weil es die Orthorexie als Diagnose so noch nicht gibt.

 

Mediziner streiten sich, ob die Orthorexie überhaupt als Krankheit bezeichnet werden kann – ich jedoch bin davon überzeugt, dass die Orthorexie als Essstörung genauso ernstgenommen werden sollte, wie jede andere Form des zwanghaften Essens auch.

 

Woran unterscheidet sich die Orthorexie von anderen Essstörungen?

Bekannte und anerkannte Essstörungen befassen sich immer mit der Gesamtkalorienzahl, die ein Mensch am Tag aufnimmt, nicht aber mit der Zusammensetzung des Essens.

Bei der Orthorexie hingegen ist den Betroffenen die Menge des Essens egal: Was zählt, ist die Qualität des Lebensmittels.

Geprägt wurde der Begriff 1997 von Steven Bratmann, einem amerikanischen Arzt. Seitdem werden die Symptome einer Orthorexie immer wieder kontrovers diskutiert. Ist Orthorexie eine richtige Essstörung oder ein durch die Medien geprägter Begriff? Sind sich (zu) gesund ernährende Menschen wirklich krank? Wie kann man ihnen helfen? Es fehlt an Daten, der Forschungsbedarf ist hoch.

 

Wie erkenne ich Orthorexie?

Die folgenden Fragen können euch helfen, herauszufinden, wie gesund eure Beziehung zum Essen noch ist.

Die ersten 10 Fragen hat der Arzt Dr. Steven Bratmann entwickelt. Er hält eine Orthorexie für möglich, wenn ihr mindestens vier Fragen mit Ja beantworten könnt:

  • Denkst du mehr als drei Stunden am Tag über deine Ernährung nach?
  • Planst du deine Mahlzeiten mehrere Tage im Voraus?
  • Ist dir der ernährungsphysiologische Wert deiner Mahlzeit wichtiger als die Freude am Essen?
  • Hat die Steigerung der angenommenen Lebensmittelqualität zu einer Minderung deiner Lebensqualität geführt?
  • Bist du in letzter Zeit strenger mit dir selbst geworden?
  • Verzichtest du auf Lebensmittel, die du früher gerne gegessen hast, um dich nun “richtig” zu ernähren?
  • Steigert sich dein Selbstwertgefühl durch gesunde Ernährung?
  • Schaust du auf andere herab, die dies nicht tun?
  • Fühlst du dich schuldig, wenn du von deiner Diät abweichst?
  • Bist du durch deine Essensgewohnheiten sozial isoliert?
  • Wenn du dich gesund ernährst, fühlst du dich dann glücklich, dass du alles unter Kontrolle hast?

Die folgenden Fragen möchte ich noch hinzufügen, da ich sie für die Symptomatik einer Orthorexie wichtig finde:

  • Fühlst du dich gestresst, wenn du in einen Supermarkt gehst? Nimmt das Level an Stress zu, wenn andere Menschen bei deinem Einkauf dabei sind?
  • Versetzt es dich in Unruhe, wenn du deine Ernährung nicht nach Plan durchführen kannst?
  • Bist du bereit wesentlich mehr Geld für gesünderes Essen auszugeben?
  • Hast du das Gefühl, dass deine Laune dein Essverhalten beeinflusst und umgekehrt?
  • Kontrollierst du jedes deiner Nahrungsmittel auf deren Nährwerte?

Zu guter Letzt: Ist eine Orthorexie gefährlich?

Eine Orthorexie wird dann gefährlich, wenn es den Betroffenen schwer fällt, ihre “gesunden” Lebensmittel zu beziehen. Wer plötzlich an Geldnot leidet, durch einen Ortswechsel mit einer anderen/geringeren Auswahl konfrontiert ist oder aus einem anderen Grund nicht mehr in der Lage ist, das zu essen, was er/sie für “gesund” und richtig hält, fängt an zu verzichten. Plötzlich reduziert sich der Speiseplan auf nur die wenigen “gesunden” Lebensmittel, die gerade noch zur Verfügung stehen – ein Nährstoffmangel und Kaloriendefizit kann schnell die Folge sein.

Auch wenn eine zweite Essstörung hinzukommt, sollte den Betroffenen schnellstens geholfen werden. Wer neben Nährstoffen auch noch Kalorien zählt und eingrenzt, verfällt schnell in einen ernstzunehmenden Hungerzustand.

Wer “nur” obsessiv auf die Qualität seiner Nahrungsmittel achtet, wird im Zweifel am schnellsten mit einer sozialen Isolation konfrontiert werden. Das ist nicht schön, auf keinen Fall ein gesunder Lebensstil, aber auch nicht lebensgefährlich. Dass Orthorektiker schnell in eine Depression fallen können, ist allerdings nicht auszuschließen.

 

 

Ihr habt noch Fragen zum Thema? Ich freue mich über eure Mails, Nachrichten und Kommentare. Erreichen könnt ihr mich über das Kontaktformular oder über meine Social-Media-Kanäle.

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9 comments

Lea November 10, 2016 - 16:21

…und auch der zweite Teil ist interessant geschrieben. Es ist schön, dass du dem Thema Raum gibst und auch von deinen persönlichen Erfahrungen erzählst. Und ich finds toll wie du die bestehenden Fragen mit deinen ergänzt hast.
Vielleicht wird die Orthorexie als Krankheit eingestuft, wenn die Folgen (Symptome) klarer zu greifen sind. Oder es wird als “Nebenerscheinung” zu bereits bestehenden Essstörungen eingestuft. Nach dem Motto tritt “in Kombi mit Anorexie, Bulimie usw.” auf.

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Emilie November 10, 2016 - 17:03

Ich bin sehr gespannt, ob und wie das Thema von den Wissenschaftlern und Medizinern weiter verfolgt wird. Seit der ersten Erwähnung von Bratmann sind mittlerweile über 10 Jahre ins Land gegangen, diskutiert wurde seitdem viel. Es fehlt derzeit einfach an Studien – doch ich bin mir sicher, dass die kommen werden! Denn abnehmen wird der Trend eher nicht.
Viele Grüße, Emilie

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Kateryna November 10, 2016 - 21:40

Ich glaube sehr wohl an Orthorexie und bin ihr mal für einen kurzen Moment verfallen, habe aber schnell eingesehen, dass hier etwas nicht stimmt. Noch vor wenigen Monaten hätte ich fast alle Fragen mit Ja beantwortet. Jetzt waren es nur 3 und weniger schwerwiegend (nach meinem Empfinden) als vielleicht die anderen. Bei mir drehte es sich aber nicht um vegane Ernährung und weniger Kalorien, sondern um den plastikfreien Einkauf. Ich konnte stundenlang daran denken und darüber diskutieren. Ich kaufe auch weiterhin möglichst plastikfrei ein, aber nicht mehr so dogmatisch wie früher.

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Emilie November 10, 2016 - 21:43

Wow, vielen Dank für diesen Einblick in eine ganze andere Form der Orthorexie! Wahrscheinlich ist es mit dem Essen wie mit allen Dingen im Leben: Verfällt man dem Thema zu sehr, wird es krankhaft. Ich drücke dich, Emilie

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Jenni November 11, 2016 - 09:47

Liebe Emilie,

auch die Fortsetzung der Reihe ist superspannend – danke dir dafür! :)
Ich muss gestehen, 3 Fragen mit “Ja” beantwortet zu haben – dazu zählen auf jeden Fall die Sache mit dem Selbstbewusstsein und der sozialen Isolation (aber nicht so krass, wie man sich das vielleicht vorstellen mag).
Das hängt aber – wir hatten das ja schon unter Teil 1 besprochen ;) – weniger nur mit der gesunden Ernährung als vielmehr mit den anderen Faktoren, die bei uns wichtig sind (Veganismus, Verpackungsreduktion) zusammen. Natürlich eckt man an, wenn alles drei zusammenkommt bei der Essensauswahl und -planung. Wir handhaben das aber relativ locker, machen unsere Umwelt darauf aufmerksam und versuchen, auch bei Bekannten und Freunden weitestgehend so zu leben wie wir das zuhause tun. Das hat dann natürlich Diskussion zur Folge und dem sind dann auch irgendwo Grenzen gesetzt (immerhin bin ich woanders zu Gast). Und es führt natürlich auch dazu, dass man nicht mehr überallhin mitgeht, ohne sich vorher zumindest ein paar Gedanken gemacht zu haben – “Isolation” ist da dann aber vielleicht ein bisschen stark formuliert.
Und: Natürlich steigt mein Selbstwertgefühl, wenn ich für mich und die Umwelt und die Tiere gut esse – das ist eine tolle Sache, die maßgeblich zur eigenen Identitätsbildung beiträgt (wie jedes andere Essverhalten auch)! :)

Insofern: Falscher Alarm, würde ich sagen, ganz, wie du vermutet hattest. ;)
Die Reihe ist aber wirklich sehr aufschlussreich, danke dir dafür!

Liebe Grüße
Jenni

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Emilie November 11, 2016 - 12:57

Liebe Jenni,
ganz eindeutig: Bei dir bewegt sich das auf einem gesunden Level. Natürlich muss man Kompromisse schließen, wenn man nicht wie die “Masse” isst und einkauft. Das ist ganz klar und auch bei mir der Fall. Anstrengend wird es nur, wenn man den anderen nicht leben lässt und ihm versucht, seinen eigenen Lebensstil aufzuzwingen. Du gibst auf eine lockere und schöne Art und Weise Anregungen – zwingst aber auch keinen. Das finde ich großartig!
Vielen Dank für dein positives Feedback. Viele Grüße,
Emilie

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Lara October 21, 2018 - 23:03

Hallo Emilie, ich bin ganz neu auf deinen Blog gestoßen und finde deine Denkanstöße sehr spannend. Auf jeden Fall auch mal ein sehr besonderer Aspekt in der großen Landschaft der Foodblogs. Mich würde ja mal interessieren, was jemand wie du zu etwas alternativeren Ernährungskonzepten sagt, die von der westlichen Obsession mit Nährwerten abweichen, z.B. TCM und Ayurveda. Die von dir ja auch mehrfach genannten Smoothies werden dort z.B. kritisch gesehen, bzw. mit Vorsicht behandelt, weil sie den Körper sehr kühlen. Auch andere Aspekte unterscheiden sich sehr stark. Können diese Konzepte vielleicht auch eine Rolle spielen, wenn es um gesunde / undogmatische Auseinandersetzung mit dem Thema Ernährung geht? Viele liebe Grüße, Lara

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Emilie October 22, 2018 - 18:40

Liebe Lara,
vielen Dank für dein Feedback zu dem Artikel! Über Ayurveda oder auch die TCM wollte ich schon länger etwas schreiben, denn ich finde ganz viele der dort zu findenden Ansätze sehr schön und auch sinnvoll. Oft ist es ja so, dass die Menschen einiges intuitiv bereits vor viele Jahrzehnten richtig erkannt haben, bevor es überhaupt wissenschaftliche Untersuchungen dazu gab. Hast du denn bereits Erfahrung mit diesen Ernährungsformen gemacht oder kennst jemanden, die/der es ausprobiert hat? Das fände ich spannend!
Liebe Grüße,
Emilie

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Lara November 12, 2018 - 22:00

Hallo Emilie, ich besitze ein Kochbuch zum Thema TCM und verfolge außerdem den Blog von Katharina Ziegelbauer (Ernährungsberatung Wien). Da habe ich mittlerweile viel gelernt und ernähre mich – zumindest streckenweise – nach dem TCM Prinzip. Was ich merke, ist, dass mir die Gerichte unglaublich gut tun. Ich fühle mich nach so einem Essen wohl gesättigt und spüre, dass mein Körper sich freut. Wenn ich mich etwas länger nach den Prinzipien ernähre, spüre ich auch, dass es meiner Verdauung gut tut und ich deutlich weniger Hunger auf Süßes habe. Es geht halt weniger um so etwas wie Kalorien und Nährstoffe, sondern mehr um die thermische Wirkung der Lebensmittel auf unseren Körper und den energetischen Haushalt. Muss man sich drauf einlassen, aber ich habe durchweg positive Erfahrungen damit gemacht. Liebe Grüße, Lara

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